Kopf und Körper: Probenstart

(Marcus Marschalek, 13. Oktober 2019)

Es ist also so weit. Wir wagen uns an die ersten Proben. Ein bisschen ging es uns schon so wie in einem Rennauto an der Startlinie. Der Motor läuft auf vollen Drehzahlen und alles wartet auf das „Go“. Es sind Sekunden die endlos erscheinen, bis es endlich ans Fahren geht.

Christa Kohlross und Roland Stumpf proben die Szene FRAU JEDERMANN und der TOD

Ein Jahr lang haben wir nun mit dem Kopf gearbeitet. Haben Texte hin und her gewälzt, um jede Silbe gerungen. Wir haben Biographien entwickelt und Beziehungen zwischen den Figuren geschmiedet, riesige Gedankengebäude aufgebaut. Nun gilt es aber all das vorerst zurückzulassen. Nun ist Spüren angesagt. Das ist gar nicht einfach, wenn der Kopf schon so präsent war.

Wie fühlt sich das auf der Bühne, im Spielen an, all das, was wir da an theoretischen Anweisungen in unser Textbuch geschrieben haben? Von der Regie her ist es uns wichtig, dass die Figuren auf der Bühne in einen echten Dialog treten. Aufeinander reagieren, die Emotionen des Gegenübers aufnehmen. Dazu braucht es aber Textsicherheit. 

Probenarbeit für die Szene FRAU JEDERMANN und MUTTER. Riki Stamminger und Andrea Drössler, Burgi Müller und Isolde Cronenberg begegnen einander das erste Mal auf der Probenbühne.

In gefühlten 100 Emails wurden mehrfach die Deadline ans Team verschickt. 14. September 2019 war das magische Datum: Ende der Textlernzeit und Start der Probenzeit. 

Und hier erleben wir unsere erste Krise. Bei fast allen Schauspielerinnen und Schauspielern sitzen die Text noch nicht. Die Routiniers unter uns wissen, es sind zwei paar Schuhe: Das eine ist es den Text in gewohnter Umgebung auswendig aufzusagen und es ist etwas ganz anderes mit einem Gegenübe die Verse in neuer Umgebung im Dialog zu sprechen. Die Sprache Hofmannsthals  lässt auch kein Fabulieren zu. Wer seinen Text nicht kann, fällt rasch aus seiner Rolle, vergisst auf den Anderen zu reagieren, ist plötzlich mit sich und seinem Text beschäftigt.

Christa Kohlross als FRAU JEDERMANN
Roland Stumpf als TOD

Wie in allen Teams gibt es auch bei uns die Fleißigen, die brav geübt haben und es schon ganz gut hinbekommen und die, die 1000 Entschuldigungen finden, warum sie noch nicht zum Lernen gekommen sind und weitere 1000 heilige Eide sprechen, dass der Text bei der nächsten Probe sitzen wird. Es sind die Momente, wo wir uns als großes Team begreifen, dass voneinander abhängig ist. Einer kann ab jetzt alles zu Fall bringen, eine Probe schmeißen. 

Es ist der Zeitpunkt,  ab dem es nur noch gemeinsam geht. Ab jetzt müssen wir uns aufeinander verlassen können, auf unsere Gegenüber vertrauen. Das ist gar nicht einfach, sind wir ja ein recht bunter Haufen. Rund 50 Schauspielerinnen und Schauspieler und etwa 20 Menschen in der Organisation und Technik. Manche sind schon ein Jahr mit dabei, manche seit ein paar Monaten und einige haben uns auch wieder verlassen.

Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE
Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE

Aber wie ist das mit dem Vertrauen? Was gibt mir Sicherheit, dass mein Gegenüber die Sache genauso ernst nimmt, dass er durchhält? Es wird schnell klar: Sicherheit haben wir nicht, aber durch die gemeinsame Arbeit entsteht zwischen uns Beziehung, wir kommen uns Schritt für Schritt näher. Nach jeder Probe ist zwischen uns ein kleines Stück mehr Verbindlichkeit gewachsen. Es sind Momente entstanden, in denen wir uns als Menschen begegnen, nicht bloß in unseren Rollen. Das schafft auch gegenseitige Verantwortung.

Stefanie Pauly als FRAU JEDERMANN in Feierlaune.

Und genau um das geht es ja auch beim “Jedermann”: Einander begegnen auf eine zutiefst ehrliche Art. FRAU JEDERMANN ist ja auf den ersten Blick gar nicht so ein übler Mensch. Sie gibt etwa der ARMEN NACHBARIN eine wertvolle Münze, sorgt sich um des SCHULDERNS WEIB und KIND, organisiert ihnen sogar Wohnung und Auskommen. Sie lädt Verwandte und Freunde ein, gibt große Feste. Viel mehr, als vielleicht jeder von uns für die Verwandtschaft und Bedürftige tun würde. Was ist es aber, dass FRAU JEDERMANN in ihrem Leben scheitern lässt und sie im Angesicht des Todes so in die Krise stürzt? Wir meinen entdeckt zu haben, dass sie den Menschen, die ihr begegnen, nicht wirklich nahe kommt. Sie lässt sich nicht auf ein Du ein. So sagt sie etwa, nachdem sie für des SCHULDNERS WEIB alles organisiert hat: “Doch will Plärens ledig gehen, ihre Not nit wissen, noch Gejammer!”

Die erste Probe für FRAU JEDERMANN und der TOD ist beendet.

Dort scheint eine der Kernaussagen des “Jedermann” zu sein. Sich auf dein Du einlassen. Einem Du nahe kommen, mit einem Du ein Stück des Weges gehen. Den Weg zu einem gemeinsamen Weg machen. So kann geglücktes, erfülltes Leben entstehen. Wer sich auf ein Gegenüber einlässt, ist nicht mehr allein. 

Nicht alleine auf der Bühne stehen. Sein Gegenüber begreifen, seinem Gegenüber zuhören, auf sein Gegenüber reagieren. Darum geht es nun in den Proben: Um ehrliches, authentische Reagieren in einem Dialog. Eine ganz schön große Herausforderung!

In Beziehung treten

(Marcus Marschalek, 29. Sept. 2019)

Wir planen frauJEDERmann als Freiluftaufführung am Rodauner Kirchenplatz vor der Bergkirche. Und so starten wir auch mit unserer allerersten Probe im Freien. Im Garten der Rodauner Werkerei, dem Vereinslokal der frauJEDERmann Produktion, messen wir uns die spätere Bühne ab. 12 x 5 Meter gilt es zu bespielen. Ein Heurigentisch imitiert die später Bar und die stylischen Kistenelemente sind aktuell Gartensessel.

Auch bei den Kostümen sind wir noch lange nicht am Ziel. Aber vorerst geht es ja darum, die Schauspielerinnen miteinander in Beziehung zu bringen. Die eingeübten Texte sollen ja nicht bloß aufgesagt werden, sondern in einem echten Dialog fürs Publikum zum Leben erweckt werden.

Geprobt haben wir die Szene zwischen FRAU JEDERMANN und ihrer MUTTER. Da wir alle Rollen doppelt besetzt haben, waren wir vier Schauspielerinnen und Vertreter vom Regieteam. In den kurzen Videosequenzen haben wir unsere Darstellerinnen nach ihren Eindrücken nach der allerersten Probe gefragt.

„Im Proben kann viel unerwartetes entstehen“, erzählt Andrea Drössler, Darstellerin von FRAU JEDERMANN im Interview unmittelbar nach der allerersten Probe.

Burgi Müller erzählt über die Schönheit des anfangs als sperrig wahrgenommenen Textes und wie vertraut ihr mittlerweile die Knittelverse geworden sind.

„Auf der Bühne muss man sich auf den anderen einstellen. Spüren, was mein Gegenüber jetzt in diesem Moment empfindet“. Riki Stamminger, Darstellerin der MUTTER, formuliert das Credo unserer frauJEDERmann Theaterproduktion im Interview.

Isolde Cronenberg kann nach der ersten Probe die Figuren MUTTER und FRAU JEDERMANN in ihren Motiven gut verstehen und ihre Beweggründe nachvollziehen. Doch „gutgemeint ist das Gegenteil von gut und so bleibt die Predigt der Mutter recht erfolglos“. So jedenfalls formuliert Schauspielerin Cronenberg ihre Erfahrung im Erspüren ihrer Rolle als MUTTER.

Hofmannsthal’sche Lebensspuren

(Melitta Fiala, 10. September 2019)

Wieder einmal habe ich – wie so oft in den letzten acht Jahren – das Grab Hugo von Hofmannsthals besucht, welcher schräg vis à vis meines älteren Sohnes am Kalksburger Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Also hat sich im Laufe der Jahre über die von mir bewusst gewählte Nachbarschaft der Gräber hinweg eine ungewöhnliche Verbindung entwickelt, eint mich doch mit dem von mir seit frühester Jugend verehrten Dichter dasselbe Schicksal: der Verlust eines Sohnes, dessen Lebenswille erschöpft war. 

Der Kalksburger Friedhof mit Blick auf die Rodauner Bergkirche.

Wenn ich mich mit Hofmannsthals Lebensspuren befasse, erkenne ich einen etwas aus seiner Zeit gefallenen, altmodischen und konservativen Mann, den sein Zeitgenosse, Freund und Bewunderer Stefan Zweig folgendermaßen beschreibt: 

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite in der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

1893: Hugo von Hofmannsthal im Alter von 19 Jahren.

Mein ganz persönlicher literarischer Geschmack wurde u.a. durch Hofmannsthals Sprachgebrauch und sein Ausdrucksvermögen geprägt, weshalb ich auch wie elektrisiert war, als ich von der geplanten Uraufführung des Jedermann in Rodaun Kenntnis erhielt. Nach dem Treffen mit dem Mastermind der frauJEDERmann-Produktion Marcus Marschalek wollte ich selbst mich vor allem im Regieteam einbringen und nur die kleine Nebenrolle des „Fräuleins“ übernehmen, während mein Mann Georg sich für die Rolle des „Todes“ interessierte.

Soweit so klar. Eingebunden in ein beeindruckend kreatives und vielfältiges Regieteam fanden viele gute Ideen Eingang in unsere Inszenierung, anfänglich unterschiedliche Vorstellungen bezüglich Textnähe zum Original des Nostalgikers Hofmannsthal, der in seinem Stück „die Einsamkeit, das Leben und den Tod“ beschwört und einer im Sprachduktus modernisierten Version wurden zugunsten der Schönheit der Hofmannsthal’schen Knittelreime ausgeräumt. Rollenbiografien wurden erarbeitet und nahmen immer mehr Gestalt an, das aufwändige Regiebuch wurde in Angriff genommen.

Melitta Fiala bei einer der zahlreichen Regiebesprechungen.

Und dann gab es Diskussionsbedarf: Die einen bevorzugen die von Hofmannsthal gezeichneten anmutigen Bilder, die anderen eine deutlichere Übersetzung in den modernen Zeitgeist. Vor allem wurden die wenigen von Hofmannsthal der Tischgesellschaft zugesprochenen beschwipst enthemmten Zeilen heiß diskutiert.

Das gleiche Fräulein flattert auf
»Er ist geritten von hinnen«
»O weh, wer soll mich minnen!«
Einige wollen sie dämpfen, sehen alle auf Jedermann.
ein anderer Gast fällt ein
»Steht auch der Wald voll grünen Schoß«
»Wohin doch ist mein Trautgenoß«.
(Originaltext der Szene Jedermann / Tischgesellschaft )

Marcus Marschalek im Interview über die Arbeit im Regieteam ad Frivolität der Tischgesellschaft.

Oder umgekehrt: Was passiert, wenn FRAU JEDERMANN sich voll Lust auf den BUHLER freut und sich mit ihm für die Nacht in ein Lusthaus träumt? Der BUHLER als Erfüllungsgehilfe für sexuelle Fantasien von FRAU JEDERMANN?

Im Regieteam haben wir damit eine Diskussion begonnen, die uns noch länger begleiten wird. Vor allem ist es das eine, in der Theorie darüber zu sprechen. Das andere wird es sein Hoffmannsthals Figuren auf der Bühne, in ihrer Geschlechter umkehrten Version, Leben einzuhauchen.

Dem Probenbeginn im Herbst sehen wir mit allergrößter Freude entgegen. Und was Frivolität und Sexualität von FRAU JEDERMANN betrifft, versuche im Team den oftmals unbequemen kontroversiellen Part zu übernehmen. Ich wünsche uns allen das Beste! Möge die Übung gelingen!

Regiebuch: Der Film im Kopf

(Roland Stumpf, 5. September 2019)

Das Bearbeiten des Regiebuchs  der frauJEDERmann ist für mich wie das Ansehen eines Films , während dem ich mir Notizen mache. Ich notiere dabei nicht den Inhalt des Films, sondern die gerade gezeigten Emotionen der Schauspieler,  ihre Bewegungen zueinander, ihre Positionen, von wo aus sie agieren , die Requisiten, benutzten Gegenstände und Bauten und die untermalende Musikrichtung. Ich achte dabei akribisch auf die Wirkung, die das Gesehene in mir erzeugt.  Sie ist mein Korrektiv und Maßstab. Der Text an sich tritt vor der Anmutung und der Stimmigkeit der Gesamtszene in den Hintergrund. Er ist das Gerüst, an dem ich das Spiel und die Wirkung des Spiels festmache. Wichtig ist, dass sich in mir ein Gefühl des Hineintauchens ins Geschehen entwickelt , bei dem kein Teil als störend empfunden wird, sondern jedes Element den Phantasieprozess beflügelt. 

Roland Stumpf beim Arbeiten an seinem „inneren Film“

Ich lese also  Szene für Szene den Text des Stücks, schließe nach jeder Textpassage die Augen und sehe “meinen Film”, in dem sich das gerade Gelesene  abspielt. Was ich vor diesem inneren Auge sehe, notiere ich als Regieanweisung, immer im Abgleich mit den Emotionen, die dieser gesehene “Filmabschnitt” in mir hervorruft.

Auf mehr als 150 Seiten ist das Regiebuch von frauJEDERmann bereits angewachsen.

Ich muss sagen, dass Hofmannsthals  Stück unter die Kategorie “Actionfilm” fällt. Da gibt es nur ganz wenige Passagen, die Tiefgründigkeit, Kontemplation und inneren Dialog verlangen. Bei frauJEDERmann tut sich etwas und das durchgehend.  Hier wird das schrille, laute Leben gezeigt, das frauJEDERmann führt; ihre ausgelassenen und frivolen Gäste; ihr schillernder Gesell; ihr triebhafter Umgang mit der Liebe; ihre Begegnungen mit dem Leid und der Armut ihrer Mitmenschen und ihre verständnislose Reaktion darauf;  der Unmut Gottes über diesen Lebenswandel; die notgedrungene Erfindung des Tods; die Besinnung frauJEDERmanns in ihrer letzten Stunde und die Heimholung eines geläuterten Menschen in die geistige Welt. Das Stück ist atemlos wie das Leben.  

Diese permanente Abfolge von Lebensschauplätzen und Befindlichkeiten  gibt der Regie ein weites Interpretations- und Spielumfeld. Ich bin daher “in meinem Film” vor lauter Schauen gar nicht nachgekommen, das Gesehene zu notieren. Ein Phänomen ist mir dabei  besonders aufgefallen. Nicht nur die Darsteller, die eingesetzten Requisiten und das Bühnenumfeld befeuern das Spiel , sondern auch das Publikum wird zu einem Akteur. Immer wieder wird es ins Geschehen hineingezogen, muss mitmachen,  kann sich dem Prozess auf der Bühne nicht entziehen. Die Auftritte der Schauspieler sind daher so gewählt, dass sie nah am, bzw. durch die Mitte des Publikums erfolgen und dabei das Publikum ins Spiel einbeziehen. Das ergibt eine Symbiose zwischen Spiel und Publikum, der  “…man sich nit entziehen mag”, so formuliert es GOTT bei der Auftragsübergabe an den TOD. 

Bei frauJEDERmann wird im Team gearbeitet. Acht Personen sind wir bei der Regie und die jeweiligen „inneren Filme“ werden bei den Regietreffen editiert, geschnitten, und gekürzt. Manchmal werden auch Szenen einfach gestrichen. Ein für jeden fordernder Prozess.

Herausgekommen dabei  ist ein sehr detailliertes Regiebuch, das für die Schauspieler genaue Vorgaben enthält. Das kann für manche befremdlich , von anderen  als sehr hilfreich empfunden werden. Ich meine, dass das Regiebuch ein breites Spektrum an Spielgelegenheiten vorgibt, die die Schauspieler mit Leben erfüllen sollen. Sie brauchen daher wenig nach Gelegenheiten für ihr persönliches Spiel zu suchen, denn diese Gelegenheiten zeigt  das Regiebuch auf. Vielmehr soll sich ihre ganze schauspielerische Begeisterung in den vielen Spielgelegenheiten entfalten, die das Regiebuch aufzeigt.

Diskussion über FRAU JEDERMANN und ihren BUHLER. Wie „sexy“ darf oder soll FRAU JEDERMANN sein? Im Bild von li nach re: Marcus Marschalek, Riki Stamminger, Georg und Melitta Fiala, Roland Stumpf, Marion Prechtl.

Ich selbst bin auch Darsteller des TODS. Ich habe nach meinen eigenen Regieanweisungen die Rolle des TODS oftmals für mich alleine durchgespielt. Das Interessante dabei war, dass ich mich durch meine eigenen Regieanweisungen nicht beeinträchtigt gefühlt habe sondern  eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten in Mimik, Gestik und Sprache gefunden habe, die ich völlig frei anwenden konnte ohne die Regieanweisung vergessen oder umstoßen zu müssen.  

Das Regiebuch ist das Eine, die Regiearbeit bei den Proben ist etwas Anderes. Ich bin sehr gespannt , wie sich die Regiearbeit im Kopf  mit den Schauspielern auf der Bühne umsetzen lässt, welche neuen Inputs von den Schauspielern kommen, ob man etwas verändern oder neu einbauen wird und ob sie den  Schauspielern hilft sich zu entfalten und ihre Freude am Spiel zu fördern. Schlussendlich soll sie der Arbeit zwischen Regie und Schauspielern und damit einer eindrucksvollen Aufführung von frauJEDERmann dienen.

Der Text und seine Botschaft

(Georg Fiala, 28. August 2019)

Noch stehen wir fast am Anfang. Der Text zu den Rollen wird fleißig geübt, aber noch ist nichts auf der Bühne gespielt. Ich denke, für jeden Beteiligten des Projekts steigt die Spannung, je weiter sich die vielen Überlegungen zum zeitgemäßen „Gendern“ des Textes zu Bildern und Szenen, mit selbstkomponierter Musik, Bühnenbild und Kostümen zu einem Ganzen fügen werden. Wie lässt sich möglichst viel vom Geist Hofmannsthals und seinem Blick auf das Geschehen seiner Zeit zu einem Ausdruck in unsere hochmoderne, aktuelle Zeit überführen? Was hat sich seither verändert? Wir können nur unser Bestes versuchen zu geben, dass durch unser Spiel auf der Bühne diese Zusammenhänge deutlich werden.

Georg Fiala beim Textlernen. Er wird den TOD bei frauJEDERmann spielen. In der Beschäftigung mit dem Text macht er sich seine Gedanken zu Texttreue und den Interpretationsebenen von Text.

Aber womit fülle ich als Schauspieler die Worte meines Textes, sodass das, was ich mir daraus erarbeite, lebendig werden kann? Allmählich nimmt die Gewissheit zu, dass uns unsere „Rollen“ vereinnahmen werden, sie werden Teil unser selbst. Aber wie wird sich die Rolle im Proben des Stücks noch verändern? Welche Möglichkeiten des Ausdrucks sind im Text angelegt, die ich selbst eher noch mehr erahne, als wirklich zu erkennen? 

Vielleicht sind theoretische Überlegungen zur Kommunikation an sich dazu geeignet, unser Bewusstsein zu heben, um das „praktische“ Spielen der Rollen auf der Bühne mit notwendiger Leichtigkeit zu füllen.

Zeitgemäße Theorien zur Kommunikation, so viel habe ich verstanden, gehen davon aus, dass der semantische Gehalt einer Aussage vom Empfänger der Botschaft in Form unterschiedlicher Anteile erschlossen wird. Etwa gleiche Teile der Aussage werden vom Wortsinn an sich und der Sprach-Modulation, also etwa Betonungen mit Höhen und Tiefen, von Timbre und Pausen etc. getragen. Rund 70% des semantischen Gehalts aber werden – wiewohl unbewusst oder gerade weil unbewusst-  vom Empfänger allein durch Körpersprache, Gestik und Mimik wahrgenommen! 

Das scheint zunächst paradox, erklärt aber auch, warum wir Menschen uns oft schwer tun, einander verständlich zu machen. Die Interpretation einer Botschaft durch den Empfänger unterscheidet sich oft wesentlich von der beabsichtigten Botschaft des Senders! Aus der Psychologie kennt man zudem das Phänomen von „double-bind-Botschaften“. Widersprüchlich interpretierbare Aussagen zeitgleich transportiert, können nicht nur unzureichend adäquat verarbeitet werden, schlimmer noch, sie vermögen krankmachendes Potential für den Empfänger in sich zu tragen.

Die erste Jedermann Aufführung in Salzburg 1920. JEDERMANN wurde damals von Alexander Moissi gespielt. Foto: Archiv der Salzburger Festspiele/Ellinger

Scheinbar eindeutige Botschaften erhalten andererseits durch entsprechendes „Schauspiel“ ein tiefgründiges Amalgam vielfältiger Botschaften differierender Bedeutungen, die den Empfänger mit einem ganzen „Strauß“ an Emotionen durchfluten können, die ohne „double bind“ gar nicht zugänglich wären. „Das Wort allein macht mir schon bang, der Tod ist wie die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt“. 

Die Macht des Todes erhält in der Metapher eine Gestalt, mit einer ganz anderen Wirkmacht, als im reinen Wort an sich. Der Tod wird lebendig im Bild der Schlange und erhält in der Rolle des Stückes einen Raum zur Auseinandersetzung, zu dem sich quasi eine neue Tür öffnet.

Rückbezogen auf die Rolle als Darsteller auf der Bühne, wird vom Nebeneinander aus gesprochenem Wort, der „Anhebung“ meines aktiven Sprechens und begleitender Körpersprache dem Zuhörer und Zuschauer eine Vielfalt an Interpretationen „abverlangt“, mit der er als Empfänger der Botschaft in unser Spiel mit hineingezogen wird und die in ihm selbst erst lebendig werden kann.

Der „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 1952. Den JEDERMANN spielte Will Quadflieg. Foto: Archiv der Salzburger Festspiele/Madner

Zuträglich zumal die bildreiche Sprache Hofmannsthals, gut „durchgeschüttelt“ mit streng durchkomponiertem Reim, und „leicht angestaubt“ mit einer fast befremdlich „anmutenden“ Wortwahl, die wie aus einer vormaligen Zeit kommend, dem Stück die notwendige Weite verleiht. In dieser Weite wiederum können Rollen vielfältiger angelegt und interpretiert werden, als dies mit unserer – gewohnten – Alltagssprache wohl gelänge.

So gesehen scheint mir die lange und herausfordernde Diskussion um die „Texttreue“ sehr wichtig gewesen zu sein. Lassen wir uns selbst vom Zauber Hofmannsthalscher Textkunst – mit eigenen Textzusätzen gewürzt – in den Raum wirklichen Spiels fortreißen! Das „Verstehen“ des Textes allein ist weniger aufschlussreich, als vielmehr das „Einschwingen“ auf Rhythmus und Tonlage einer Sprache, die uns Schauspieler zum „Tanz auf der Bühne“ auffordert. Leichtigkeit und Tiefe im Spiel zugleich sollen uns tragen, dem Publikum zum Genusse!

Ein Regiebuch entsteht

(Marcus Marschalek, 5. August 2019)

Vor mir blaue Wellen. Das Meer rund um die kroatische Insel Korčula soll mich für die Inszenierung von frauJEDERmann inspirieren. Ich sitze mit meinem Laptop auf einer kleinen Terrasse und klopfe Ideen in die Tasten. Seit Monaten beschäftige ich mich nun schon mit dem Jedermann und viele Ideen für die Umsetzung schwirren durch meinen Kopf. Doch ich bin nicht alleine für die Regie bei frauJEDERmann verantwortlich. Wir sind ein mehrköpfiges Regieteam. So sitzt etwa 900 Kilometer weiter in Wien gerade auch Roland Stumpf vor seinem Computer und Riki Stamminger macht ähnliches im Westen von Österreich. Regie führen im großen Team? Das mag für manche ungewohnt klingen, wenn man aber in die Geschichte von Theaterproduktionen durch die Jahrtausende schaut, gab es das alles irgendwann schon einmal.

Marcus Marschalek bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann auf Korcula
Marcus Marschalek bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann auf Korcula

Neu ist vielleicht bei uns, dass wir an beliebigen Orten, über hunderte Kilometer voneinander entfernt sind uind und dennoch im Team arbeiten. Dank Google-Docs und Mobiltelefon können wir zentral und gleichzeitig auf unser Regiebuch zugreifen und sehen in Echtzeit, was andere gerade schreiben. Hat man sich erstmal dieser Herausforderung gestellt, dass einem quasi jederzeit beim Denken zugeschaut werden kann, Ideen sofort aufgegriffen, weiterentwickeln oder auch beiseite geschoben werden, ist das genial.

Aber was mache wir als Regieteam? Wie werden wir gemeinsam Regie führen? Dazu muss man sagen, dass es “die Regie” als solche, noch gar nicht so lange im Theater gibt. In Wien etwa, wurde erst 1771 jemand unter dem Titel “Regisseur” am Theater angestellt. Regisseur ist also ein relativ junger Beruf in der langen Geschichte des Theaters, der zunächst die administrativen und organisatorischen Belange rund um eine Theaterproduktion zu erledigte hatte. Die Wortherkunft aus dem Französischen hat auch weniger mit Kunst, als vielmehr mit Eintreiben der “Régie”, einer Steuer zu tun. 

Riki Stamminger bei der Arbeit am Regiebuch.
Riki Stamminger bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.

Offensichtlich waren spektakuläre Inszenierungen von der Antike über das Barock bis ins 18. Jahrhundert auch ohne künstlerisch begabten Regisseur möglich. Das scheint heute fast undenkbar, wo doch oft der Regisseur im Mittelpunkt einer Produktion steht. Soll uns das Mut machen?

Im Mittelalter zum Beispiel, die Zeit der Mysterienspiele und des Ursprungs der Jedermann-Spiele, gab in den Kirchen und Klöstern anonyme Verfasser von sehr detaillierten Spiel-Anweisungen zum “Geistlichen Schauspiel”. Es ging darum, bestimmte Darbietungen effektvoll in Szene zu setzen. So ist von plötzlichem Auslöschen des Kerzenlichts die Rede, oder es wird beschrieben, wie an Seilen hängend Requisiten durch das Kirchenschiff geschwungen werden. Auch hat man etwa im 12. Jahrhundert mit Donner-Geräuschen und anderen Klängen versucht dem Publikum in oder vor den Kirchen Aufmerksamkeit abzuringen. Im Team der Schauspieltruppe hat man sich damals so einiges einfallen lassen und umgesetzt. Wie aber werden wir unser Publikum 2020 vor der Rodauner Bergkirche in den Bann ziehen?

Vor mehr als hundert Jahren, am 1. Dezember 1911, hat Max Reinhardt die Premiere des “Jedermann” von Hofmannsthal in Berlin inszeniert. Reinhardt hat sehr detaillierte Regiebücher angefertigt und sehr konkrete Vorstellungen für seine Darstellerinnen und Darsteller mit in die Proben gebracht. Bertold Brecht wiederum, der damals ein Jugendlicher war, hat etwas später seine Schauspielerinnen und Schauspieler in den Proben vor allem ungezwungen spielen und probieren lassen und war mehr neugieriger Beobachter als Regie-Regent. Anweisungen gab es von ihm kaum. Ein Blick in die kurze Geschichte des Regie-Berufs zeigt, dass es zwischen diesen beiden Herangehensweisen fast alles an Regie-Zugängen gab und gibt.

Roland Stumpf bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.
Roland Stumpf bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.

Als frauJEDERmann Team versuchen wir Stück für Stück unseren eigenen Regie-Weg zu finden. Als ich vor ziemlich genau einem Jahr erstmals über den Jedermann in Rodaun nachgedacht habe, sind mir schnell konkrete Ideen und Interpretationen des Stoffes eingefallen. Im Dialog mit anderen haben sich dann Herangehensweisen weiterentwickelt, einige Ideen wurden beiseite geschoben. Aber immer hatte ich das Gefühl, dass in der Auseinandersetzung mit anderen die Interpretation an Schärfe gewinnt. Aus dem “Ich” wurde schnell ein “Wir”, ein Regie-Team, in das von Anfang an auch die Schauspielerinnen und Schauspieler eingebunden waren. Schnell wurde uns klar, wer im großen Team an einem Stoff arbeitet, muss die Dinge genau dokumentieren, für andere nachvollziehbar machen und so sind wir bei der Methode nahe bei Max Reinhardt gelandet. Wie er verwenden wir bunte Farben, um in unserem Regiebuch etwa Text, Requisiten, Aufgänge und Abgänge, Musikeinsatz, Orte oder auch Bewegungen genau anzugeben und zu markieren, auch weil wir alle Rollen in Doppelbesetzung spielen. Hundert Jahre nach Reinhardt machen wir das aber digital, mit Hilfe von Google Servern.

Es ist für uns spannend zu sehen, wie sich Ideen konkretisieren. Das Ringen um ihre Umsetzbarkeit uns manchmal neue Wege einschlagen lässt, unserer Interpretation des Jedermann-Stoffs einen neuen Drall gibt und spannende Aspekte des Spiels aufzeigt. “Aus dem Inhalt die Lehr ausspüren”, so steht es im Prolog des Jedermann von Hofmannsthal und das ist und war der Fokus unserer Arbeit am Regiebuch der vergangenen Wochen. Was müssen wir tun, dass unser Publikum sich für das Stück und den Text zu interessieren beginnt und die Verse als Inspiration für eigene Überlegungen aufgreift? Daraus ergibt sich, dass wir das Stück attraktiv und verständlich umsetzen müssen.

Im Regieteam haben wir uns vorgenommen einen sehr klaren und durchaus detailliert ausformulierten “roten Faden” unseren Schauspielerinnen und Schauspielern auszulegen. In zwölf Szenen haben wir frauJEDERmann aufgeteilt und in jede dieser Szenen wollen wir bei der Probenarbeit mit konkreten Vorstellungen und Zielen gehen. Unser Regiebuch zählt schon fast 200 Seiten. Wenn man sein Territorium gut kennt, vieles durchdacht und abgewogen hat, dann hat man auch den Mut den Pfad zu verlassen und sich im freien Gelände zu bewegen. Das heißt, wir freue uns schon auf die Arbeit mit den Darstellerinnen und Darstellern und werden dann hoffentlich nicht nur Guides, sondern so wie Bertold Brecht, auch neugierige Beobachterinnen und Beobachter sein, die bereit sind festen Boden zu verlassen, um zu spannenden Höhenflügen anzusetzen. Unser Publikum darf gespannt sein!

Von der Gregorianik bis zum Rave

(Marcus Marschalek, 17. Juli 2019)

Wie klingt es, wenn der Tod auf das Herz von FRAU JEDERMANN greift und im Auftrag von GOTT Leben nimmt? Nach welcher Melodie wird die TISCHGESELLSCHAFT ihre frivolen Lieder anstimmen und wie kann aus alter Gregorianik ein moderner Rave werden? 

Immer konkreter werden unsere Regie-Ideen und so setzen wir uns auch mit der klanglichen Ebene bei frauJEDERmann auseinander. Ulrich Dallinger ist unser Musikalischer Leiter und hat damit ordentlich was zu tun. Wenn unser BUHLER der FRAU JEDERMANN ein Lied anstimmt oder GOTT aus dem lichtdurchfluteten Kirchenraum kommt, was soll man dann hören? 

Unser frauJEDERmann Musikchef Ulrich Dallinger in seinem Studio „Tone Demand“ beim Komponieren

Mit Ulrich haben wir einen routinierten Vollprofi mit im Team, der  zahlreiche TV- und Theaterproduktionen mit seiner Firma “TONE DEMAND” eine spannende und emotionale Tonebene verpasst hat. Er weiß, wie man Gefühle und Stimmungen in Bildern zum Klingen bringt und verstärkt. 

Die Leidenschaft fürs Musizieren hat ihn schon als Kind gepackt, erzählt er mir. Die große Instrumentensammlung seiner Eltern waren ihm Spielwiese. Heute ist er Multiinstrumentalist. Geige, Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Knöpferlharmonika…. auf fast allen Instrument ist er zuhause. Studiert hat er Orgel.

Eine von Ulrich Dallinger selbstgebaute elektronische Orgel. Ein hoher Thron mit Überblick über das Studio.

Ein besonderes elektronisch Orgel-Exemplar hat er sich selber für sein Studio gebaut. Dort sitzt er gleichsam wie auf einem hohen Thron mit Überblick über zahlreiche Mischpulte, Computertastaturen und Keyboards. Es braucht viel Know-How das alles fachgerecht zu bedienen. Ich bin fasziniert von seinem Arbeitsplatz.  Doch dann steigen wir hinab in den Keller. Dort gibt es ein großes Foley-Studio. Es ist eine Kunst die richtigen Geräusche zu Produzieren, etwa das knarren von Schiffsdielen. Sollte man zum Beispiel für eine TV-Dokumentation so ein Geräusch brauchen und gerade kein Schiff in der Nähe haben, dann kann Ulrich helfen. Eine alte Obstpresse aus Holz erzeugt den authentisch klingenden Sound. Ein großer Raum ist voll mit Klangerzeugern für alle möglichen Soundbedürfnisse. Auch für frauJEDERmann ist da sicher etwas dabei.

Ulrich Dallinger ist Multiinstrumentalist und spielt von Schlagzeug über Klavier, Geige, Gitarre und Akkorden fast alle Instrumente.

Wir gehen gemeinsam das aktuell rund 100 Seiten starkes Regiekonzept durch. In grün sind die Stellen markiert, an denen Musik oder Sound ins Spiel auf unserer Bühne kommt. Ganz schön viele Stellen sind das! Ich beschreibe Ulrich die Szenen und die Emotionen, die wir vom Regieteam vermitteln wollen. Wir besprechen welche Wirkung ein Musikeinsatz an dieser Stelle haben könnte. Auch müssen wir bereits jetzt abschätzen, wie lange die einzelnen Musikzuspielungen, Hintergrundsounds, Effektgeräusche etwa dauern werden.

Am Computer gehen Ulrich und ich das rund 100 Seiten starke Regiekonzept auf Musik- und Soundeinsätze durch.

Im Gespräch entstehen auch neue Ideen. Ich bin schon so neugierig wie das alles klingen wird. Ulrich hört ja bereits einiges davon schon in seinem Kopf. In den nächsten Wochen wird er für uns seine Melodien niederschreiben und einspielen. Es wird ein musikalischer Streifzug durch Jahrhunderte, von der Gregorianik bis zum Rave, Töne zwischen Leben und Tod. Für unser Publikum dann zu hören von 4. bis 12. Sept. 2020 bei frauJEDERmann vor der Bergkirche Rodaun.

Höllenlärm und Totenstille

(Marcus Marschalek, 15. Juli 2019)

Die sonst sehr verlässlichen Google Maps bringen bei den Grenze von Kalksburg, Mauer und Rodaun ein bisschen etwas durcheinander und legen einige der Wiener Ortsteile nach Perchtoldsdorf. Das ist aber nicht so schlimm, sind Grenzen doch etwas sehr menschlich willkürliches. Auch wenn Google also etwas anderes behauptet: Der Kalksburger Friedhof liegt an den Grenzen zu Rodaun und Mauer, mitten im Grünen, umringt von Weinbergen, Wiesen und einem Wald. Ein friedlicher Ort mit Sicht auf die nahe Rodauner Bergkirche, wäre da nicht ausgerechnet heute, am 90. Todestag von Hugo von Hofmannsthal, ein fleißiger Bauarbeiter, der mit Pressluft und dazugehörendem Werkzeug einen Grabstein bearbeitet. Statt Totenstille also heute “Höllenlärm” am Friedhof. 

Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof
Das Grab der Familie Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof

Das Grab von Hugo von Hofmannsthal ist schnell gefunden. Vom Eingang immer geradeaus leicht bergan, bis man hinten an der Friedhofsmauer anstößt. Dort hat die Familie Hofmannsthal ihr Grab.

Es waren dramatische Umstände damals, als Hofmannsthal am 15. Juli 1929 starb. Sein Sohn Franz hat sich zwei Tage zuvor mit 26 Jahren das Leben genommen. Als sich Hofmannsthal zum Begräbnis fertig machte und zur Bergkirche Rodaun gehen wollte, hatte er einen tödlichen Schlaganfall. 

Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof
Das Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof. Menschen haben nach jüdischem Brauch Steine auf sein Grab gelegt.

Hugo von Hofmannsthals Urgroßvater Isaak Löw Hofmann (1759–1849) ware Jude und erfolgreicher Industrieller, sein Großvater Augustin Emil von Hofmannsthal (1815–1881) konvertierte zum katholischen Glaube. Hugo von Hofmannsthal sah sich selbst dann als katholischer Aristokrat, verleugnete seine jüdischen Wurzeln und ließ sich auch immer wieder zu judenfeindlichen Bemerkungen hinreißen. Dennoch bezeichnen viele Hofmannsthal als jüdischen Intellektuellen. Auf seinem Grab werden, dem jüdischen Brauch entsprechend, auch immer wieder Steine abgelegt.

Was hat diesen Hugo von Hofmannsthal damals bewegt? Warum hat er sich mit dem uralten Jedermann-Stoff auseinandergesetzt? Was war sein Anliegen, sein Gottesbild hinter dem Text? Unde welche Schlüsse hat er selbst daraus für sein Leben gezogen?

Und jetzt macht der Bauarbeiter zum Glück eine Mittagspause. Die Sonne scheint grell vom blauen Himmel, auf dem ein paar weiße Fadenwolken aufziehen. Der Friedhof wird zum stillen, ruhigen, friedlichen Ort. Und mir wird klar, im “Jedermann” geht es weniger um die eschatologischen Dinge, sonder viel mehr ums Hier und Jetzt.

„Des moch ma schon“

(Marcus Marschalek, 9. Juli 2019)

Es gibt die Ermöglicher und es gibt die Verhinderer. Die einen gehören eher zu den Utopisten und glaube an große Träume, die anderen halte ich für eher ängstlich und feige. Oft verstecken sich die Verhinderer hinter Vorschriften und Paragraphen, zählen lange und akribisch auf, warum etwas nicht geht. Die Gefahr bei den Ermöglichern besteht aber darin, dass sie sich in ihren Träumen und Utopien verlieren können. 

Ich hoffe, dass wir mit Erich Kulicska einen Ermöglicher gefunden haben, der Utopien nicht ins Nirvana befördert, sondern zur Welt bringt. Vor ein paar Monaten haben wir das erste Mal miteinander telefoniert und Erich war mir von Anfang an sympathisch. Mit seiner Firma hat er schon mehrere Sommertheaterproduktionen betreut. Ich habe ihm unser frauJEDERmann Projekt kurz umrissen und sogleich gespürt, wie sich sein Hirn in Bewegung setzt. Ein paar spontane und kreative technische Umsetzungslösungen sprudelten sofort aus ihm hervor. Von einer Überdachung des Platzes, mit einem durchsichtigen Foliendach, um die Sicht auf Kirche und das “Haus der Frau Jedermann” nicht zu verstellen, war da die Rede. Von verschiedenen Bühnenelementen in Kreuzform mit Transportrollen, Requisiten von anderen Produktionen … . Mir gefällt es, wenn man wo “anstößt” und die Fülle entdeckt!

Vor der Rodauner Bergkirche soll im September 2020 die Bühne für FrauJEDERmann stehen. Marcus Marschalek und Erich Kulicska diskutieren die Aufhängung der Scheinwerfer.

Erich und ich haben dann doch ein ein paar Monate gebraucht, bis wir uns endlich zu einem Termin am Rodauner Kirchenplatz getroffen haben. Einander persönlich kennenlernen und den Ort spüren, das war unser Ziel. Eine wichtige Frage darüber hinaus: “Welche technische Umsetzung für unser Theaterstück würde in Einklang mit dem Ort und unserem Budget stehen? Schon mehrmals habe ich mich vor die Rodauner Bergkirche gestellt, bin den Platz abgeschritten, habe Fotos von allen möglichen Seiten gemacht und mir vorgestellt, wo Publikum und Bühne sein könnten.

Jetzt, zur ersten technischen Begehung mit Erich, habe ich auch Roland vom Regieteam gebeten, dabei zu sein. Beobachtet von seinen beiden Hunden, die unter einem Busch Platz genommen haben und zu uns scheinbar teilnahmslos blicken, beginnen wir also zu dritt den Platz abzuschreiten. Und obwohl die Hunde gerade mal ein halb geöffnetes Auge riskieren, wird jede unserer Bewegungen genauestens registriert. Wird unser Publikum auch so konzentriert sein oder wird sie unsere Produktion nur einen müden Blick kosten? Wie kann der Ort hier das Stück unterstützen, ein Teil von frauJEDERmann werden, dass alle ins Spiel mit hinein genommen werden? 

Rolands Hunde riskieren gerade ein halb geöffnetes Auge, verfolgen aber unsere Platzbegehung ganz genau.

Und noch ein paar Fragen stellen sich uns: Was hat hier rund um den Platz, vor über 120 Jahren, Hugo von Hofmannsthal bei seinem Schreiben des Jedermanns beeinflusst? War es die Turmuhr mit ihrer Glocke, die sich alle 15 Minuten meldet? War es das bunte Treiben der besser gestellten Leute aus Wien, die im nahen Gasthof Stelzer oder im Gasthof Schneider ihre Feste feierten? Hat Hugo von Hofmannsthal von seinem Salettl aus die Kirchgänger aus Rodaun beobachtet, wie sie zur “Frühmette” gegangen sind?

Roland Stumpf und Erich Kulicska bei der Begehung am Rodauner Kirchenplatz.

Wir wollen den Platz für das Spiel wenig verändern, werden also nicht überdachen. Ein Zelt würde dem Platz Flair und die Sicht auf die Bergkirche nehmen. Bei Schlechtwetter brauchen wir also ein Ausweichquartier. Klar ist auch, dass die Bühne vor dem Eingangsportal in die Bergkirche stehen muss und FRAU JEDERMANN dort zur letzten “Beichte” verschwindet, bevor sie “geläutert” wieder aus der Kirche kommt und von GLAUBE und WERKEN in den Schoß GOTTES gelegt wird.

Erich redet von Scheinwerfern und wie man sie gut verstecken könnte. An das Verstecken der Lichter hätte ich so gar nicht gedacht. Aber Erich hat Recht: Im Mittelpunkt steht die Bühne und die Technik sollte bei unserem Stück nicht ablenken. Und Erich redet davon, dass das alles kein Problem sei. Wir checken die Stromanschlüsse, besprechen die Bühnen-Aufbautage, überlegen wer die Lichter programmieren könnte, woher wir 320 Sessel bekommen, wie viele Mikrophone wir brauchen und hoffen, dass das schon irgendwie zu finanzieren sei! Aber wenn man kreativ sein will, sollte man besser nicht gleich ans Geld denken, sonst hört man vielleicht mit dem Projekt auf, bevor es noch begonnen hat. 

“Des moch ma schon”, sagt Erich und steigt in seinen Bus. Ein Ermöglicher! Ja, “des moch ma” sagen auch Roland und ich, rufen die Hunde und sind uns sicher: Bei unserer Rodauner Inszenierung wird es bei frauJEDERmann niemanden mit einem müden Hundeblick im Publikum geben.

Texttreu – aber wie sehr?

(Marcus Marschalek, 2. Juni 2019)

Einen Text an dem Ort seines Entstehens aufzuführen ist etwas besonderes. Daher fühlen wir uns auch Hugo von Hofmannsthals Jedermann besonders verpflichtet. Doch an manchen Stellen macht es einem der Rodauner Schriftsteller nicht leicht. Einige Worte, etwa „böslich“, verwendet heute keiner mehr und manche Satzstellungen könnten ungewohnter „nit“ sein. Unverständlichkeit zu Gusten des Reims?

Hugo von Hofmannsthal verwendet ja eine Art Kunstsprache, angelehnt an das Neumittelhochdeutsch. Und das klingt teilweise schräg im 21. Jahrhundert. Ein paar Szenen können einige von uns schon auswendig und gerne parlieren wir die Texte. Überall im Alltag finden sich geeignete Stichworte, um das eine oder andere Zita aus dem „Jedermann“ loszuwerden. Durchaus zum Leidwesen der Menschen außerhalb unserer Theatertruppe. Einige meiden uns bereits. Dutzende Male haben wir Hofmannsthals Text gelesen, Teile schon etliche Mal aufgesagt. Mehr und mehr wurde der Text für uns „recht schön und klar“. Ich bin erstaunt, wie sehr sich das von mir anfangs als moralisch eingestufte Stück, in seiner Großzügigkeit und tröstenden Art erschließt. Wie sehr ich doch die Reime mittlerweile genieße.

Melita Fiala beim Regieteamtreffen
Regieteamtreffen: Melita Fiala möchte einige Änderungen am Text wieder rückgängig machen.

Doch das Publikum sieht und hört das Stück bei der Vorstellung nur einmal. Kaum einer wird sich für mehrere Tage Karten kaufen. Der Text muss also beim erstem Mal verstanden werden. Stimmen, die mehr Veränderungen am Text verlange, werden in unserem Regie-Team lauter. Wie weit wollen wir gehen? Da wir ja aus dem reichen Herrn Jedermann eine geschäftstüchtige Frau Jedermann gemacht haben und auch andere Figuren das Geschlecht wechseln mussten, waren einige Eingriffe am Text unvermeidlich. Mann und Frau brauchen eben neue Reime.

Eine von vielen Regie-Teamsitzungen, um am Text zu arbeiten

Und da wir schon am Ändern waren, wurde fleißig weiter gestrichen und ergänzt, gereimt und umgestellt. Doch dann trat die andere Fraktion in unserem Regie-Team auf den Plan und stellte nach getaner Arbeit und einem fast fertigen, zum Spielen bereiten Text, alles in Frage. Auch wenn man nicht sämtliches beim ersten Mal versteht, der Text hat eine besondere Kraft und die sollten wir ihm, gerade am Ort seiner Entstehung, nicht nehmen oder verfälschen, so die Argumentation. Also wurden extra Termine eingeschoben. Das Regie-Team traf sich erneut, der Beamer warf den bearbeiteten Text an die weiße Wand der Rodauner Werkerei, auf dem Tischen lagen die Abdrucke der Originalversion. Einige Abende brauchten wir, um nochmals Änderung für Änderung durchzugehen. Am Ende waren gut zwei Drittel aller Modifizierungen wieder zurückgenommen. Werden und vergehen, schaffen und lassen: Nahezu eine buddhistische Text-Mandala-Übung für unsere Regiegruppe.

Roland Stumpf beim Regieteamtreffen. Änderungen am Text werden besprochen
Roland Stumpf sucht Änderungen am projizierten Text

Am Ende des Prozesses steht aber ein Konsens. Es ist für uns alle klar: Wir vertrauen auf die Kraft des weitgehend unveränderten Textes, auch wenn sich dadurch nicht sofort, für alle Ohren im 21. Jahrhundert, jede inhaltliche Nuance erschließt. Und wir vertrauen auf unsere Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit ihren Figuren den Text lebendig machen.