Biographien der Figuren

Hugo von Hofmannsthal hat für sein Spiel „Jedermann“ ein paar Regieanweisungen gegeben. Davon wissen wir, wie bestimmte Figuren in seinem Theaterstück in bestimmten Szenen agieren oder reagieren. Für die Inszenierung frauJEDERmann in Rodaun haben wir uns vorgenommen für alle Figuren, ausgehend von den spärlichen Inputs Hofmannsthals, Biographien zu entwickeln, einerseits aus den Informationen die der Originaltext liefert, andererseits haben wir frei fabuliert. Im Regieteam sind wir zusammengesessen, haben Charakter für Charakter besprochen, Eigenschaften verteilt und versucht zu begründen, warum Figuren sich in bestimmten Szenen so und nicht anders verhalten.

Welchen „Rucksack“ an guten und weniger guten Lebenserfahrungen schleppen sie mit sich herum? Welchen Einfluss haben Eltern, Geschwister und bestimmte Lebensereignisse auf die ARME NACHBARIN, die KÖCHIN oder auch FRAU JEDERMANN und andere gehabt? In welchem Verhältnis stehen HAUSVOGT und GESELL? Wie gut kannten sich FRAU JEDERMANN und die ARME NACHBARIN zuvor? Es war für uns im Regieteam ein spannender Prozess all diese Fragen durchzuspielen und letztlich diese Biographien zu entwickeln. Spannend wird es auch sein, welches „Leben“ unsere Schauspielerinnen und Schauspieler diesen nun biographischen Figuren verleihen werden.

Verzeichnis der Figuren bei frauJEDERmann

(wird laufend ergänzt)

FRAU JEDERMANN

Der Vater der FRAU JEDERMANN starb als sie dreizehn Jahren alt war. Aufgewachsen ist sie als Einzelkind in einer durchaus wohlhabenden Familie, es gab noch zwei ältere Geschwister, die aber kurz nach der Geburt verstorben sind. Der frühe Tod des Vaters brachte alle in eine Extremsituation. Die MUTTER flüchtete sich in Religion und Glaube und FRAU JEDERMANN musste als dreizehnjährige die Vernünftige sein und den “Mann” im Haus stellen. Haus und Hof verlangten viele Entscheidungen, die MUTTER war wie gelähmt und unfähig zu agieren. FRAU JEDERMANN wurde so früh erwachsen, war ihrer MUTTER plötzlich Tochter, Sohn- und Mannersatz in einer Person. Auf ihre Bedürfnisse nahm keiner Rücksicht, obwohl doch auch sie ihren geliebten Vater verloren hatte. Es war ihr klar, dass sie funktionieren musste, um die Existenz vom elterlichen Besitz zu erhalten. Auf die MUTTER konnte sie sich nicht verlassen. Mit einem Schlag war sie plötzlich die Erwachsene und ihre MUTTER das Kind. 

Gerne hätten die reichen Bauern der Umgebung nach dem Tod des Vaters die Felder um einen Nepp gekauft, entfernte Verwandte haben rasch einen Blick auf Haus und Hof geworfen und heuchlerische Angebote gemacht. 

Sie kann sich noch sehr gut daran erinnern, als sie damals Schulaufgaben machte, an ihrem Schreibtisch saß und einer der “Onkeln”, schleimisch und  grenzüberschreitend hinter ihr Stand, die Hände auf ihre Schultern legte und vorgab, alles nur zum Besten der Familie regeln zu wollen. In ihr zog sich alles zusammen. Sie konnte nicht vor noch zurück. Immer schwerer lagen die Hände des Onkels auf ihren Schultern, gaben vor sie väterlich zu berühren und wollten in Wirklichkeit ihr gierig an die Kehle. Es war das letzt Mal, dass sich jemand ihr von hinten näherte und sie in die Enge trieb. Das schwor FRAU JEDERMANN damals. Nie wieder!

Die MUTTER hätte zu allen Vorschlägen der Verwandten “Ja und Amen” gesagt. Doch sie ließ sich nicht hinters Licht führen. Die junge FRAU JEDERMANN machte ihren “Job” gut. Sie agierte schon als Jugendliche wie eine Erwachsene, durchschaute schnell wer Freund und Feind war und konnte das väterliche Vermögen schützen, nach und nach sogar vermehren.

Zeit eine Jugendliche zu sein, sich mit gleichaltrigen zu treffen, Fehler zu machen, blieb da freilich kaum. Wenn die anderen in ihrem Alter auf Partys gingen, beieinander saßen und in Gedankenspielen die Welt verbesserten, suchte FRAU JEDERMANN nach neuen Pächtern für die Felder, trieb offene Rechnungen ein und musste kontrollieren, ob die Waldarbeiter auch wirklich das Holz abgeliefert hatten, oder es nur vorgaben. Sie lernte schnell, wie man sich Respekt verschafft und wie man als junge Frau von Männern als Geschäftspartnerin und nicht als “hübsches Objekt” gesehen wird.  

Die Arbeit machte ihr durchaus Spaß, das Vermögen vermehrte sich merkbar. Als sie 17 Jahre alt war, nahm sie weitere Angestellte auf, die ersten, die sie selbst und nicht ihr verstorbener Vater einstellte. Es war eine äußerst kluge Entscheidung, nach drei Dürrejahren mit wenig Ernte, einigen Bauern, die vor dem Ruin standen, Grundstücke äußerst günstig abzukaufen. Von da an ging es steil bergauf. Wer Geld brauchte, kam zu ihr. Sie genoss ihre immer mächtiger werdende Position in der Gegend sehr. Doch Macht hat auch ihren Preis. Kaum einer, der sie nicht ausnützen will, hinters Licht zu führen versucht oder irgendetwas vortäuscht. Den Menschen kann man nicht trauen ist ihre Erfahrung! Stolz ist sie auf ihren Fleiß, auf all das, was sie geschaffen hat. 

Mit ihren Geschäften und Besitzungen ist sie zum Machtfaktor am Stadtrand geworden und einer der Hauptarbeitgeber der Region. Sie hat Einfluss und fühlt sich als Gönner nach eigenem Willen. Niemand kommt an ihr vorbei.

Wenn man die Dinge angeht und sich nicht zu schade ist zu arbeiten, dann hat man auch Erfolg. Das ist ihre Überzeugung. Sie kann Leute nicht ausstehen, die nichts tun, immer nur warten das etwas passiert, willenlose Fahnen im Wind sind. Egal was passiert im Leben, mit seinem Tun kann man die Dinge verändern, das ist ihre Erfahrung. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür. Eine Erkenntnis, die sie auch anderen gerne weitergibt.  Bedürftige Arme die leidend nichts tun, um ihre Situation zu verändern kann und will sie nicht verstehen. 

Ihr soziales Umfeld ist groß, viele nennen sich ihre Freunde. FRAU JEDERMANN ist es durchaus bewusst, dass es hauptsächlich ihr Geld ist, das die Leute anzieht. An selbstlose Liebe glaubt sie aber sowieso nicht. Wenn sie ein Fest gibt, dann sind alle da und sie haben Spaß. Die Motive dahinter braucht sie gar nicht wissen. Wirklich nahe Vertraute hat sie wenige. Aber man kann nicht alles haben. 

Wenn sie so zurückblickt, hat sie vieles richtig gemacht. Sie kann sich nichts vorwerfen. Vielleicht ist jetzt auch der Moment ein bisschen leiser zu treten. Sie muss sich ja nichts mehr beweisen. Seit ein paar Jahren erlaubt sie sich nun hin und wieder ein paar kleine Verrücktheiten. Es tut ihr gut ab und an unvernünftig zu sein, Dinge die andere vielleicht schon in ihrer Jugend ausprobiert haben, macht sie jetzt. Aber nicht als unsicheres Mädchen, sondern als selbstbewusste Frau. Das lange Warten hat auch seine Vorteile. Vor allem was Männer betrifft. Es gefällt ihr die Begehrte zu sein, mit Erotik zu spielen und dabei die Zügeln in der Hand zu halten, selbst zu bestimmen was gefällt und was nicht. Sie hatte viel Spaß in den vergangen Jahren und war froh dann auch wieder “Ciao” zu den Liebhabern zu sagen. Mit keinem dieser Männer könnte sie sich ein Leben zu zweit vorstellen. Keiner von denen konnte ihr das Wasser reichen. 

Seit einiger Zeit wird der Wunsch nach Partner und Familie aber größer. Ist eine, die ihr Leben lang “alleine” gelebt hat überhaupt beziehungsfähig? Diese konkreten Gedanken an Partner und Kinder hat sie bisher immer wieder nach hinten geschoben. Sie wollte sich nicht binden, hatte eigentlich auch nie Zeit für Kinder, wie hätte sie das neben all den Geschäften auch handhaben sollen? Aber jetzt mit über 40 Jahren scheint der Zug abgefahren. Ob ihr noch ein Kind geschenkt wird? Bei dem Gedanken kommt fast Panik in ihr auf. Andere werden in diesem Alter bereits Großmutter.

Ihre eigene Mutter liegt ihr deswegen seit Jahren in den Ohren. Ein oftmaliges Streitthema. Warum sie nicht endlich heiraten würde? Das kann sie gar nicht mehr hören. Doch sie hat Mitleid mit der MUTTER, die zwar einerseits in der Religion Trost gefunden hat, andererseits aber in einer furchtbaren Angst lebt, alles richtig zu machen, tief verstrickt in ihren Glauben. Dieser GOTT im Himmel würde alles sehen und richten, „wenn es kommt zu den allerletzten Dingen“, hört sie die MUTTER immer wieder in jeder Lebenslage sagen. Da hätte GOTT viel zu tun, wenn dem so wär, sagt FRAU JEDERMANN dann zu sich. Sie hat es aufgegeben mit der MUTTER darüber zu diskutieren, auch überhört sie die Anspielungen der MUTTER gegen ihre Liebhaber und das immer ausgelassenere Feiern. Anfangs hat sie ja versucht das alles noch vor der MUTTER geheim zu halten und beinahe hätte sie die Moralvorstellungen der MUTTER übernommen. Erotik, Lust und Liebe als etwas verbotenes.  Nein, das ist die verschrobene Glaubenswelt ihrer MUTTER. Es ist nicht leicht gegen die alten Regeln und das moralische Diktat der MUTTER zu bestehen.  

FRAU JEDERMANN hingegen genießt es immer mehr hemmungslos feiern zu können. Wen kratzt es, wenn sie jemanden leidenschaftlich küsst oder drei Gläser Wein zu viel trinkt? Sicherlich keinen GOTT da oben im Himmel. Viel zu spät ist sie darauf gekommen, dass der Rausch eine tolle Funktion hat. Sie, die alle kontrolliert, alles checken und managen muss, kann sich im Rausch aus der Verantwortung stehlen. Ab und zu – und zugegeben es wird öfter – genehmigt sie sich das und es ist wunderbar.

Und noch etwas genehmigt sie sich seit fast einem Jahr. Gefühle für ihren BUHLER. Sie erlebt ihn als süß und witzig, fühlt sich von ihm begehrt und als Mensch geschätzt, Kategorien die früher nicht relevant waren. Er könnte vielleicht doch ein Mann sein, mit dem sie ihr weiteres Leben verbringen möchte. Sie musste schmunzeln, als sie sich dabei ertappte, dass sie sich wie ein junges Mädchen in die Arme ihres BUHLERS träumt, in einem romantischen Lustgart. Den Kaufvertrag für den Garten, hat sie dann tatsächlich unterschrieben. Nicht gerade die vernünftigste Entscheidung in ihrem Leben, es tut aber gut auch unvernünftig sein zu können. Ihr ganzes Leben hat sie ja bisher dafür gearbeitet, um sich das leisten zu können.

Die Beziehung zu ihrem BUHLER ist der einzige Bereich, wo man an ihr Bedürftigkeit spürt. Was ist los mit ihr? Beinahe erkennt sie sich nicht wieder. Gefühlsduselei? “Keine Zeit dafür! Zu gesund. Zu jung. Zu begehrt. Zu mächtig. Was sollte ihr schon zustoßen?” Sie ist es gewohnt für alle Fragen eine gute Antwort zu finden. So soll es ewig noch weitergehen und sie kann ihre “wahren” Gefühle und Ängste gut verdrängen. Doch das Verdrängte bricht auf. Angesicht des Todes muss sie sich ihren “blinden Flecken” stellen. In der Begegnung mit den GUTEN WERKEN begegnet sie sich selbst, dem was hinter all der „Taffheit“, Geschäftstüchtigkeit, dem Funktionieren müssen, dem Kalkulieren und Berechnen verdrängt war. Eine Rettungsmission beginnt.

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KÖCHIN

Schon als Kind hat die KÖCHIN immer wieder daheim in der Küche mitgeholfen. Nicht, weil es ihr so viel Spaß gemacht hätte, sondern, weil ihre Mutter sie als einziges Mädchen unter drei Brüdern immer wieder dazu aufgefordert hatte. Irgendwann ist das dann selbstverständlich geworden und man musste sie gar nicht mehr viel fragen oder bitten. Es war klar: Sie half der Mutter die stets hungrigen Münder von Vater und Brüdern zu stopfen. Die Rollenverteilung in der Familie war selbstverständlich: Mädchen gehören in die Küche, die Burschen waren zu Besserem berufen. Als sie dann 14 war, wurde Familienrat gehalten. Nicht mit ihr, sondern über sie: Welchen Beruf sollte sie lernen? Brüdern und Vater waren sich schnell sicher, sie, die einzige Tochter, sollte KÖCHIN werden. “Das macht sie doch so gerne”, “sie kocht doch immer so gut”, “ja, kochen, das kann sie und da hat sie auch talent,” bestärkten sich die Familienmitglieder im Chor und fanden die Entscheidung für sie perfekt. 

Sie kann sich noch sehr genau an den Samstag im Mai, vor fast vier Jahrzehnten erinnern. Die Familie saß um den Mittagstisch und sie hatte wirklich gut gekocht. Eigentlich waren es nur Reste der vergangenen zwei Tage. Doch sie experimentierte mit Currypulver. Ganz neu war damals das Gewürz im Regal des kleinen Lebensmittelgeschäfts, in dem sie immer einkaufen ging. Mit Kokosraspeln und Milch, verrührt in einem Topf, dazu Rosinen, Apfelstückchen und einer Prise Zimt, schmeckten die Reste plötzlich wie die weite Welt, wie ein Besuch in einem fernen Land. 

Als die Familie satt war, war dann allen klar, wozu sie berufen schien. Doch jedes der lobenden Worte war wie ein Prügel, denn sie wollte nicht Köchin werden. Doch was hätte sie sagen sollen? Dass sie sich viel mehr für Architektur interessierte, in einer Zeitung hatte sie einmal darüber gelesen und war fasziniert. Doch sie, eine Architektin? “Nein”, hätten alle belustigt gerufen. Auch wußte sie gar nicht genau, was eine Architektin so können musste, welche Ausbildung sie bräuchte. Aber Häuser zeichnen und Brücken entwerfen, das hätte ihr gefallen. Doch das war nur ein Traum, den sie nie ausgesprochen hat, also wurde sie in der realen Welt Köchin. Von ihr kam kein Gegenvorschläge zum Familienrat.

Die Lehre war damals hart und bestand kaum darin, gut kochen zu lernen. Und wieder war sie das einzige Mädchen unter vielen Burschen. Ihre Lehrmeister sahen ihre Berufung vor allem darin ihre Schüler zu brechen und abzuhärten. Mit bloßen Händen ins kochende Wasser greifen, wer das ohne schmerzverzerrtes Gesicht schaffte und danach seine Brandblasen nicht beachtete, der war ein guter Koch. Und beim Zwiebelschneiden galt: Ja keine Träne verdrücken. Nur kein Mädchen sein, mit den Burschen mithalten können, das nahm sie sich vor und rettete sich so durch die Lehrjahre. Sie wollte dazu gehören, wenngleich sie die rauen Riten in dieser Männerwelt eigentlich verabscheute. Viel hat sie in ihren Lehrjahren nicht gelernt, außer ducken, anpassen und möglichst nicht auffallen. 

Erst später, bei ihrer Stelle in einem Vorstadtbeisl lernte sie ein paar sinnvolle Tricks fürs Kochen, wenngleich die Speisekarte mit 15 Speisen inklusive Vor- und Nachspeisen mehr als überschaubar war. Es dauerte gefühlte hundert Jahre, bis sie dort endlich ernst genommen wurde. Schließlich durfte sie die Mittagsmenüs zusammenstellen und traute sich nach und nach den seit Jahrzehnten auf Schnitzel, Schweinsbraten und Kaiserschmarrn beschränkten Speiseplan etwas zu erweitern. Sie nahm die Aufgabe ernst, blieb oft noch länger am Abend in der Küche und probierte heimlich neues aus. Das Mischen von Gewürzen und Testen von neuen Zutaten machte ihr dann doch Spaß. Aber zuviel Innovation war bei ihren Chefleuten nicht gefragt.

Sie war überrascht, als sie plötzlich vom HAUSVOGT der FRAU JEDERMANN angesprochen wurde. So ein gutes Paprikahendl mit Nockerln hätte er noch nie gegessen. Der HAUSVOGT ließ sie aus der Küche hohlen und gestand ihr, schon mehrfach hervorragend hier gegessen zu haben. Er wäre neugierig, wer denn da kochen würde,  denn er müsse eine Stelle neu besetzen. Der HAUSVOGT gefiel ihr. Ein erstes Kompliment nach vielen Jahren nur abschätziger Kommentare. Das war sie gar nicht gewohnt und brachte in ihr etwas zum Schwingen, das sie so gar nicht kannte. Ein Gefühl, wo sie zu allem “ja” gesagt hätte. Der HAUSVOGT würde für die angesehene und reiche  FRAU JEDERMANN arbeiten und die Stelle in der Küche wäre frei geworden. 

“Ja”, sie wollte! Das Angebot klang verlockend und so wechselte sie vom Vorstadtbeisl in die große Küche am Gut von FRAU JEDERMANN. Das war vor zehn Jahren.

Zum Glück hatte sie mehr mit dem HAUSVOGT als mit der FRAU JEDERMANN zu tun, denn die FRAU JEDERMANN empfand sie meist als herablassend. Kaum konnte man es ihr recht machen. In ihrer Gegenwart hatte man immer das Gefühl zu langsam, zu wenig oder ganz falsch zu arbeiten. Wenn es irgendwie ging, versucht sie ihrer Chefin auszuweichen. Nur das ging nicht immer. Anders verhält es sich mit dem HAUSVOGT. Wegen ihm hat sie die Stelle hier angenommen und wegen ihm wird sie hier auch bleiben. Gerne versucht sie sich an neuen Speisekombinationen und freut sich, wenn der HAUSVOGT zum Probieren vorbeikommt und ab und zu ein lobendes Wort für sie hat. Auch hat sie gemerkt, wie er erfreut war, dass sie sparsam mit den Lebensmitteln umging, gut plant, dass sie meistens versucht, auch aus den Resten vorzügliche Gerichte zu fabrizieren. Zweimal hat er sogar gesagt, dass er sie dafür bewundere. Das war für sie wie die Krönung ihres bisherigen Lebens. Sie, die Architektin, die aus den Essensresten tolles neues baut.

Ja den HAUSVOGT mag sie, gerne sucht sie seine Nähe. Das heißt, wenn es sich zufällig ergibt, etwas dann, wenn sie ein neues Gericht vorstellt oder wirtschaftliches aus der Küche mit ihm zu besprechen hat. Die KÖCHIN war überzeugt auch der HAUSVOGT mochte sie. 

Es lag eine beglückende Unausgesprochenheit zwischen ihnen. Es gibt sie, die wenigen Momente, wo sie nach getaner Arbeit einfach nebeneinander stehen, ohne Worte, ihre Blicke über das Gut schweifen lassen und wissen, da gibt es einen anderen Menschen, der versteht mich, der ist da. Dessen ist sie sich gewiss. Es ist wie ein Zauber, würde er in Worte gefasst, er würde vergehen. Ist sie in den HAUSVOGT verliebt? Was für eine schlechte Frage!  Seit sie sich erinnern kann, kennt sie eigentlich nur das Gefühl die Pflicht zu erfüllen. Nein, die Dinge nur nicht kompliziert machen und das wenige, das einem gefällt bewahren, das andere von einem abprallen lassen, ist ihre Devise. 

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ARME NACHBARIN

Das Schicksal der ARMEN NACHBARIN ist eng verwoben mit dem Glanz FRAU JEDERMANNS. Beide sind in besten Familien geboren, beide mit guter schulischer Erziehung (sie gingen aber nie in die gleich Klasse. Die Frau JEDERMANN ist etwas jünger als die ARME NACHBARIN. Man kennt sich aus der Nachbarschaft, war hin und wieder auf der gleichen Party und hatte gemeinsame Freunde, war aber nie “eng” miteinander. Die Familientradition sah für beide keinen anderen Weg vor, als Erfolg an der Spitze der Gesellschaft. 

Mit 23 Jahren hat die ARME NACHBARIN beide Eltern bei einem Unfall verloren. Der gesamte Besitz ging an sie. Leicht überfordert mit der Verwaltung der Vermögenswerte ihrer Eltern, waren rasch Vermögensberater und Bankmitarbeiter da, die mit allen möglichen Tipps “halfen” und die eine oder andere risikoreiche Investition und Spekulation empfahlen um durch Provisionen an ihrem Reichtum zu partizipierten.

Der Schmerz über den Verlust der Eltern war groß. Auf der anderen Seite schien das Leben aber auch leicht. Es war Geld da und das Party machen war verlockend. Die durchtanzten Nächte wurden immer länger und das Gefühl im Rausch der Sinne und Emotionen zu leben war angenehm betäubend. Es ließ allen Schmerz und Verantwortung vergessen. Die ARME NACHBARIN feierte immer öfter, als gäbe es keinen Morgen. 

Dann kam es zu einem Kursverfall. Die erhoffte Rendite der Investitionen war nicht hoch genug, um den nächsten Kredit zu bedienen. Eine lange Dürre zwang Felder zu verkaufen, auch an FRAU JEDERMANN. Ein großer Teil des elterlichen Vermögens war aufgebraucht. Reparaturen am Haus standen an. Plötzlich zahlungsunfähig, mussten weitere teure Kredite aufgenommen werden. Und wieder war die ARME NACHBARIN schlecht beraten. Als sie sich dann auch noch in einen Betrüger verliebte, der ihr das restliche Geld mit ausgedehnten gemeinsamen Reisen aus der Tasche zog, stand sie plötzlich mit 27 Jahren vor dem Nichts. Die Bank nahm das Haus, der Geliebte entpuppte sich als Taugenichts, der auch das Interesse an ihr verlor, als die ARME NACHBARIN kein Geld mehr hatte. Zuerst konnte die ARME NACHBARIN noch bei Freundinnen unterkommen, dann gab es ein paar Kurzzeitbeziehungen mit Männern. Zumindest das Wohnen war anfangs noch gesichert. Doch mehr und mehr verdrängte die ARME NACHBARIN ihre Situation in langen Partynächten. Der Alkohol wurde mehr und mehr zum verlässlichen Begleiter und die Freundinnen und Freunde wurden immer rarer. Je mehr sie ihr rieten wieder auf die Beine zu kommen, einen Job anzunehmen, sich eine neue fixe Wohnung zu suchen, endlich “Verantwortung zu übernehmen”, desto mehr zog sie sich zurück. Es ging einfach nicht. “Es wär doch so leicht”, sagte sie sich immer wieder, aber es ging nicht.

Der Alkohol betäubt immer mehr. Schließlich zerbrach auch die nächste Beziehung. Die ARME NACHBARIN musste von heute auf morgen ihre Koffer packen, ausziehen. Aber wohin? Seither lebt sie im Winter in Frauenhäusern oder Obdachloseneinrichtungen und im Sommer in leerstehenden Gartenhäusern und Baracken. Sie ist müde geworden sich vorzustellen “was wäre wenn”. Alle Kraft geht nur noch ins Überleben des Tages. Für Zukunft ist keine Energie mehr über. Alle Perspektiven sind verflogen. Ihre Gedanken kreisen meist darüber, genügend Alkohol zu bekommen, um gut betäubt durch den Tag zu gelangen. Eine Zeitlang war es noch einfach den nächstbesten Mann aufzugabeln und ein wenig Geld oder Drogen gegen Sex zu bekommen. Doch das Leben auf der Straße hat sie gezeichnet. Jetzt machen die Männer einen Bogen um sie. Immer öfter überkommt sie der Hass auf alles. Besonders auf diejenigen, die es “geschafft” haben, von denen sie aber als Bettlerin nun abhängig ist. 

Ab und zu kommt sie noch in ihr altes Wohnviertel betteln. Hier ist sie mit den reichen Kindern gemeinsam aufgewachsen, gehörte auch zur besseren Gesellschaft. Kaum jemand von denen hier, erinnert sich nun noch an sie. Sie ist sich selbst und allen anderen fremd geworden und muss täglich vor den Reichen im Staub kriechen, um ein paar Münzen zu ergattern. Wie sie das nur haßt! Zu viel um zu sterben, zu wenig um zu leben. Beim Betteln hat sie jede Achtung vor sich und den anderen verloren. Anfang war es ihr noch peinlich. Doch das ist schnell verflogen. Jetzt fordert sie einfach ihren “gerechten” Teil, probiert was geht. Eigentlich sollte sie ihren Gönnern dankbar sein, doch in Wirklichkeit verflucht sie diese reichen Menschen. Ihr Zorn auf die Welt wird immer größer. Auch das will in Alkohol ertränkt werden, denn Verantwortung für ihr eigenes Leben kann und will sie nicht übernehmen. Im Gegensatz zur kämpferischen, willensstarken FRAU JEDERMANN ist die ARME NACHN antriebslos geworden. 

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BUHLER

Der BUHLER ist Zweitgeborener einer alteingesessenen kinderreichen Familie und hat daher Hof und Ländereien nicht geerbt. Er ist seit früher Kindheit durch einen schlecht verheilten Knöchelbruch leicht gehbehindert. Im Gegensatz zu seinem hemdsärmeligen älteren Bruder, der das cholerische Temperament seines Vaters geerbt hat, ist er eher feingeistiger Natur und trägt alle Hoffnung seiner dominanten Mutter, die ihn seit seiner frühester Kindheit mit Kunst und Kultur vertraut gemacht hat. Der BUHLER lernte bereits mit sechs Jahren Klavier und brachte sich selber später auch Gitarre bei, ein viel cooleres Instrument, wie er als Jugendlicher meinte. Noch immer trifft er sich hin und wieder mit ein paar Kumpels, die er aber nicht als echten Freunde bezeichnen würde, um ein bisschen Musik zu machen. 

Er war ein guter Schüler, alles gelingt ihm scheinbar ohne große Anstrengung.

Die eifersüchtig behütende Mutter stand bisherigen ernsten Beziehungen im Weg. Keine Frau schien der Mutter gut, gebildet, vornehm oder reich genug. Und so blieb es bei kurzen nicht erfüllenden Beziehungen, die er vor der Mutter meist geheim hielt. 

Religion hat für den BUHLER bisher überhaupt keine Rolle gespielt. Auch in seiner Familie war Religion nie Thema. Ob er an übersinnliches glaubt? Das ist eine gute Frage, eigentlich hat er sich damit noch nicht auseinandergesetzt. Aber müsste er jetzt eine Antwort geben, seine ganze Lebenserfahrung sagt “Nein”.

Der BUHLER konnte die Erwartungen seiner Familie nicht erfüllen und hat sich nach dem Tod seiner Mutter, die vor zwei Jahren starb, mehr und mehr distanziert. Er lebt alleine, fühlt sich oft alleine. Er kompensiert, in dem er in der Gesellschaft unterwegs ist. Er legt Wert auf Extravaganz und makelloses Äußeres, hat Stil, ist belesen und kultiviert, charmant, weder radikal noch zu liberal, weiß sich stets im Mittelpunkt und ist sich seiner Anziehungskraft bei Frauen wie Männern gleichermaßen gewiss. Doch all das bleibt immer an der Oberfläche und erfüllt kaum. Er fürchtet den sozialen Abstieg und merkt allmählich, dass auch an seiner „ewigen“ Jugend der Zahn der Zeit erste Spuren hinterlässt. Diese Bedenken pflegt er durch bissigen Humor und wachsendem Sarkasmus zu begegnen, sonnt sich aber nach wie vor an den Tafeln des reichen Bürgertums.

Bei einem Fest ist er FRAU JEDERMANN begegnet. Die Welt von FRAU JEDERMANN ist ihm wohlbekannt. Er besitzt das Selbstverständnis des “Besitzstandes”, das in seiner Familie seit Generationen gepflegt wird. Er ist ein Networker und überaus kommunikativ. Hört hier und da etwas und macht aus den Infos seine kleinen mäßig erfolgreichen Geschäfte, ist aber nie lange bei einer Sache; das wäre ihm in seinem Selbstverständnis zu banal. Der BUHLER hat sein Jusstudium abgebrochen. Hatte von Jugend auf den Wunsch Schriftsteller zu werden, hat aber nicht die Ruhe sich hinzusetzen und wirklich an einem Roman zu arbeiten. Spielt den erfolgreichen Junggesellen, zweifelt aber in stillen Momenten an sich selbst. Fühlt sich oft auch als Versager.

Sein Verhältnis zu FRAU JEDERMANN ist in letzter Zeit etwas gespannt, auf sexueller Ebene sind sie sich noch nicht begegnet. So hat sich zwischen beiden ein starke Begierde aufgebaut. Für FRAU JEDERMANN ist er nach einer Reihe von flüchtigen Beziehungen jemand, mit dem sie sich erstmals vorstellen kann, ihr Leben in einer Paarbeziehung zu verbringen. Daher möchte sie das “besondere” zelebrieren und sich Zeit lassen. Einander gut und tief kennenlernen, sich langsam Stück für Stück aufeinander einlassen, nicht so wie mit all den anderen vor dem BUHLER. Dadurch entsteht aber auch eine Erwartungshaltung die der BUHLER spürt und die ihm Stress bereitet. Tief verankert ist daher die Sorge, dass er seinen “Mann” nicht stehen wird. Kann er den Erwartungen von FRAU JEDERMANN gerecht werden? Ist sie für ihn auch “der eine besondere Mensch”, der er für sie scheint? Ja, er findet FRAU JEDERMANN attraktiv. Ja, mit FRAU JEDERMANN kann er lachen, sie haben viel Spaß miteinander. Und erstmals steht seine MUTTER nicht zwischen ihm und einer anderen Frau. Aber wird die dominante Art von FRAU JEDERMANN aushalten? Kann er ihren zugegeben großen wirtschaftlichen Erfolg akzeptieren? Er hat auf seiner Habenseite nicht viel vorzuweisen.

Ohne rechten Zugang zu seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen kompensiert der BUHLER wie auch FRAU JEDERMANN. Das verbindet die beiden und sie begegnen sich auf dieser Ebene in romantischen Sehnsüchten. Sie spüren, dass sie füreinander bestimmt sein könnten und wünschen sich im anderen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Allerdings fehlt es beiden noch an echtem Bekenntnis füreinander. Es bleibt vorerst beim “Spiel”. Beide sind nicht bereit ihre Autarkie aufzugeben. Diese Spannung hält sie aber auch zusammen, in gleichen Maße, wie sie sie vor einem bedingungslosen Bekenntnis zueinander trennt.

Mit zunehmendem Alter gelingt es dem BUHLER die Verletzung des Fußes als frühkindliche Kränkung seines Selbstbildnisses in ein anderes Licht zu stellen. Er benutzt einen Gehstock mit prunkvollem, silbernen Knauf, den er mit affektiertem Stolz vor sich her trägt, mehr als Schild, als dass er sich darauf stützen müsste. Er dient ihm als verlängerter “Arm”, verleiht ihm Sicherheit. Er hat immer etwas in “Händen”, mit dem er wie ein “barocker Herrscher” eine gewisse Allmacht auszustrahlen vermag. Er ist immer auf der Hut und hält sich stets mehrere Wege offen.

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