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Höllenlärm und Totenstille

(Marcus Marschalek, 15. Juli 2019)

Die sonst sehr verlässlichen Google Maps bringen bei den Grenzen von Kalksburg, Mauer und Rodaun ein bisschen etwas durcheinander und legen einige der Wiener Ortsteile nach Perchtoldsdorf. Das ist aber nicht so schlimm, sind Grenzen doch etwas sehr menschlich Willkürliches. Auch wenn Google also etwas Anderes behauptet: Der Kalksburger Friedhof liegt an den Grenzen zu Rodaun und Mauer, mitten im Grünen, umringt von Weinbergen, Wiesen und einem Wald. Ein friedlicher Ort mit Sicht auf die nahe Rodauner Bergkirche, wäre da nicht ausgerechnet heute, am 90. Todestag von Hugo von Hofmannsthal, ein fleißiger Bauarbeiter, der mit Pressluft und dazugehörendem Werkzeug einen Grabstein bearbeitet. Statt Totenstille also heute “Höllenlärm” am Friedhof. 

Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof
Das Grab der Familie Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof

Das Grab von Hugo von Hofmannsthal ist schnell gefunden. Vom Eingang immer geradeaus leicht bergan, bis man hinten an der Friedhofsmauer anstößt. Dort hat die Familie Hofmannsthal ihr Grab.

Es waren dramatische Umstände damals, als Hofmannsthal am 15. Juli 1929 starb. Sein Sohn Franz hat sich zwei Tage zuvor mit 26 Jahren das Leben genommen. Als sich Hofmannsthal zum Begräbnis fertig machte und zur Bergkirche Rodaun gehen wollte, hatte er einen tödlichen Schlaganfall. 

Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof
Das Grab von Hugo von Hofmannsthal am Kalksburger Friedhof. Menschen haben nach jüdischem Brauch Steine auf sein Grab gelegt.

Hugo von Hofmannsthals Urgroßvater Isaak Löw Hofmann (1759–1849) war Jude und erfolgreicher Industrieller, sein Großvater Augustin Emil von Hofmannsthal (1815–1881) konvertierte zum katholischen Glauben. Hugo von Hofmannsthal sah sich selbst dann als katholischer Aristokrat, verleugnete seine jüdischen Wurzeln und ließ sich auch immer wieder zu judenfeindlichen Bemerkungen hinreißen. Dennoch bezeichnen viele Hofmannsthal als jüdischen Intellektuellen. Auf seinem Grab werden, dem jüdischen Brauch entsprechend, auch immer wieder Steine abgelegt.

Was hat diesen Hugo von Hofmannsthal damals bewegt? Warum hat er sich mit dem uralten Jedermann-Stoff auseinandergesetzt? Was war sein Anliegen, sein Gottesbild hinter dem Text? Und welche Schlüsse hat er selbst daraus für sein Leben gezogen?

Und jetzt macht der Bauarbeiter zum Glück eine Mittagspause. Die Sonne scheint grell vom blauen Himmel, auf dem ein paar weiße Fadenwolken aufziehen. Der Friedhof wird zum stillen, ruhigen, friedlichen Ort. Und mir wird klar, im “Jedermann” geht es weniger um die eschatologischen Dinge, sondern vielmehr ums Hier und Jetzt.

„Des moch ma schon“

(Marcus Marschalek, 9. Juli 2019)

Es gibt die Ermöglicher und es gibt die Verhinderer. Die Einen gehören eher zu den Utopisten und glauben an große Träume, die Anderen halte ich für eher ängstlich und feige. Oft verstecken sich die Verhinderer hinter Vorschriften und Paragraphen, zählen lange und akribisch auf, warum etwas nicht geht. Die Gefahr bei den Ermöglichern besteht aber darin, dass sie sich in ihren Träumen und Utopien verlieren können. 

Ich hoffe, dass wir mit Erich Kulicska einen Ermöglicher gefunden haben, der Utopien nicht ins Nirvana befördert, sondern zur Welt bringt. Vor ein paar Monaten haben wir das erste Mal miteinander telefoniert und Erich war mir von Anfang an sympathisch. Mit seiner Firma hat er schon mehrere Sommertheaterproduktionen betreut. Ich habe ihm unser frauJEDERmann Projekt kurz umrissen und sogleich gespürt, wie sich sein Hirn in Bewegung setzt. Ein paar spontane und kreative technische Umsetzungslösungen sprudelten sofort aus ihm hervor. Von einer Überdachung des Platzes, mit einem durchsichtigen Foliendach, um die Sicht auf Kirche und das “Haus der Frau Jedermann” nicht zu verstellen, war da die Rede. Von verschiedenen Bühnenelementen in Kreuzform mit Transportrollen, Requisiten von anderen Produktionen … . Mir gefällt es, wenn man wo “anstößt” und die Fülle entdeckt!

Vor der Rodauner Bergkirche soll im September 2020 die Bühne für FrauJEDERmann stehen. Marcus Marschalek und Erich Kulicska diskutieren die Aufhängung der Scheinwerfer.

Erich und ich haben dann doch ein ein paar Monate gebraucht, bis wir uns endlich zu einem Termin am Rodauner Kirchenplatz getroffen haben. Einander persönlich kennenlernen und den Ort spüren, das war unser Ziel. Eine wichtige Frage darüber hinaus: “Welche technische Umsetzung für unser Theaterstück würde in Einklang mit dem Ort und unserem Budget stehen? Schon mehrmals habe ich mich vor die Rodauner Bergkirche gestellt, bin den Platz abgeschritten, habe Fotos von allen möglichen Seiten gemacht und mir vorgestellt, wo Publikum und Bühne sein könnten.

Jetzt, zur ersten technischen Begehung mit Erich, habe ich auch Roland vom Regieteam gebeten, dabei zu sein. Beobachtet von seinen beiden Hunden, die unter einem Busch Platz genommen haben und scheinbar teilnahmslos zu uns blicken, beginnen wir also zu dritt den Platz abzuschreiten. Und obwohl die Hunde gerade mal ein halb geöffnetes Auge riskieren, wird jede unserer Bewegungen genauestens registriert. Wird unser Publikum auch so konzentriert sein oder wird es unsere Produktion nur einen müden Blick kosten? Wie kann der Ort hier das Stück unterstützen, ein Teil von frauJEDERmann werden, dass alle ins Spiel mit hinein genommen werden? 

Rolands Hunde riskieren gerade ein halb geöffnetes Auge, verfolgen aber unsere Platzbegehung ganz genau.

Und noch ein paar Fragen stellen sich uns: Was hat hier rund um den Platz, vor über 120 Jahren, Hugo von Hofmannsthal bei seinem Schreiben des Jedermanns beeinflusst? War es die Turmuhr mit ihrer Glocke, die sich alle 15 Minuten meldet? War es das bunte Treiben der besser gestellten Leute aus Wien, die im nahen Gasthof Stelzer oder im Gasthof Schneider ihre Feste feierten? Hat Hugo von Hofmannsthal von seinem Salettl aus die Kirchgänger aus Rodaun beobachtet, wie sie zur “Frühmette” gegangen sind?

Roland Stumpf und Erich Kulicska bei der Begehung am Rodauner Kirchenplatz.

Wir wollen den Platz für das Spiel wenig verändern, werden also nicht überdachen. Ein Zelt würde dem Platz Flair und die Sicht auf die Bergkirche nehmen. Bei Schlechtwetter brauchen wir also ein Ausweichquartier. Klar ist auch, dass die Bühne vor dem Eingangsportal in die Bergkirche stehen muss und FRAU JEDERMANN dort zur letzten “Beichte” verschwindet, bevor sie “geläutert” wieder aus der Kirche kommt und von GLAUBE und WERKEN in den Schoß GOTTES gelegt wird.

Erich redet von Scheinwerfern und wie man sie gut verstecken könnte. An das Verstecken der Lichter hätte ich so gar nicht gedacht. Aber Erich hat Recht: Im Mittelpunkt steht die Bühne und die Technik sollte bei unserem Stück nicht ablenken. Und Erich redet davon, dass das alles kein Problem sei. Wir checken die Stromanschlüsse, besprechen die Bühnen-Aufbautage, überlegen, wer die Lichter programmieren könnte, woher wir 320 Sessel bekommen, wie viele Mikrophone wir brauchen und hoffen, dass das schon irgendwie zu finanzieren sei! Aber wenn man kreativ sein will, sollte man besser nicht gleich ans Geld denken, sonst hört man vielleicht mit dem Projekt auf, bevor man es noch begonnen hat. 

“Des moch ma schon”, sagt Erich und steigt in seinen Bus. Ein Ermöglicher! Ja, “des moch ma” sagen auch Roland und ich, rufen die Hunde und sind uns sicher: Bei unserer Rodauner Inszenierung wird es bei frauJEDERmann Niemanden mit einem müden Hundeblick im Publikum geben.

Texttreu – aber wie sehr?

(Marcus Marschalek, 2. Juni 2019)

Einen Text an dem Ort seines Entstehens aufzuführen ist etwas Besonderes. Daher fühlen wir uns auch Hugo von Hofmannsthals Jedermann besonders verpflichtet. Doch an manchen Stellen macht es einem der Rodauner Schriftsteller nicht leicht. Einige Worte, etwa „böslich“, verwendet heute keiner mehr und manche Satzstellungen könnten ungewohnter „nit“ sein. Unverständlichkeit zu Gusten des Reims?

Hugo von Hofmannsthal verwendet ja eine Art Kunstsprache, angelehnt an das Neumittelhochdeutsch. Und das klingt teilweise schräg im 21. Jahrhundert. Ein paar Szenen können einige von uns schon auswendig und gerne parlieren wir die Texte. Überall im Alltag finden sich geeignete Stichworte, um das eine oder andere Zitat aus dem „Jedermann“ loszuwerden. Durchaus zum Leidwesen der Menschen außerhalb unserer Theatertruppe. Einige meiden uns bereits. Dutzende Male haben wir Hofmannsthals Text gelesen, Teile schon etliche Mal aufgesagt. Mehr und mehr wurde der Text für uns „recht schön und klar“. Ich bin erstaunt, wie sehr sich das von mir anfangs als moralisch eingestufte Stück, in seiner Großzügigkeit und tröstenden Art erschließt. Wie sehr ich doch die Reime mittlerweile genieße.

Melita Fiala beim Regieteamtreffen
Regieteamtreffen: Melita Fiala möchte einige Änderungen am Text wieder rückgängig machen.

Doch das Publikum sieht und hört das Stück bei der Vorstellung nur einmal. Kaum Einer wird sich für mehrere Tage Karten kaufen. Der Text muss also beim erstem Mal verstanden werden. Stimmen, die mehr Veränderungen am Text verlangen, werden in unserem Regie-Team lauter. Wie weit wollen wir gehen? Da wir ja aus dem reichen Herrn Jedermann eine geschäftstüchtige Frau Jedermann gemacht haben und auch andere Figuren das Geschlecht wechseln mussten, waren einige Eingriffe in den Text unvermeidlich. Mann und Frau brauchen eben neue Reime.

Eine von vielen Regie-Teamsitzungen, um am Text zu arbeiten

Und da wir schon am Ändern waren, wurde fleißig weiter gestrichen und ergänzt, gereimt und umgestellt. Doch dann trat die andere Fraktion in unserem Regie-Team auf den Plan und stellte nach getaner Arbeit und einem fast fertigen, zum Spielen bereiten Text, alles in Frage. Auch wenn man nicht Sämtliches beim ersten Mal versteht, der Text hat eine besondere Kraft und die sollten wir ihm, gerade am Ort seiner Entstehung, nicht nehmen oder verfälschen, so die Argumentation. Also wurden extra Termine eingeschoben. Das Regie-Team traf sich erneut, der Beamer warf den bearbeiteten Text an die weiße Wand der Rodauner Werkerei, auf den Tischen lagen die Abdrucke der Originalversion. Einige Abende brauchten wir, um nochmals Änderung für Änderung durchzugehen. Am Ende waren gut zwei Drittel aller Modifizierungen wieder zurückgenommen. Werden und Vergehen, Schaffen und Lassen: Nahezu eine buddhistische Text-Mandala-Übung für unsere Regiegruppe.

Roland Stumpf beim Regieteamtreffen. Änderungen am Text werden besprochen
Roland Stumpf sucht Änderungen am projizierten Text

Am Ende des Prozesses steht aber ein Konsens. Es ist für uns alle klar: Wir vertrauen auf die Kraft des weitgehend unveränderten Textes, auch wenn sich dadurch nicht sofort für alle Ohren im 21. Jahrhundert jede inhaltliche Nuance erschließt. Und wir vertrauen auf unsere Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit ihren Figuren den Text lebendig machen werden.

Das Casting beginnt

(12. Mai 2019, Marcus Marschalek)

Um die besten Darstellerinnen und Darsteller für die jeweiligen Rollen zu finden, starten wir einen großen Casting-Prozess. An insgesamt zwölf Terminen im Mai 2019 wird unseren spielwilligen Akteurinnen und Akteuren einiges abverlangt.

„Stell dir vor, du bist der ARME NACHBAR der FRAU JEDERMANN und ihr wart einst verliebt.“ „Du bist der TOD und der Tod ist ein Wiener. Wie könnten die Knittelverse auf Wienerisch klingen?“ Um die vielen Aufgaben der Regie gut zu lösen, haben wir ein Regieteam gebildet.

Katja Lee beim Casting für frauJEDERmann
Katja Lee beim Casting für frauJEDERmann
Johanna Hoblik beim Casting für frauJEDERmann
Johanna Hoblik beim Casting für frauJEDERmann

Beim Casting erfinden wir kleine Biographien der Figuren, geben ihnen eine Geschichte mit in die Szene. Und schon wird die nächste Herausforderung formuliert: „Wie würde es ausschauen, wenn der TEUFEL ein Energiebündel wäre?“

Riki Stamminger beim Casting für frauJEDERmann
Riki Stamminger beim Casting für frauJEDERmann
Andrew Solomon beim Casting für frauJEDERmann
Andrew Solomon beim Casting für frauJEDERmann

Die Aufgaben an die Schauspielerinnen und Schauspieler gehen uns nicht aus und es ist toll zu sehen, wie alle mehr und mehr ins Spielen kommen, Emotionen spüren und die Gefühle weitergeben.

Sandra Szabo beim Casting für frauJEDERmann
Sandra Szabo beim Casting für frauJEDERmann
Das Team vom Casting Nummer 2: Marcus Marschalek, Inge Sommerbauer, Johanna Hoblik, Melitta und Georg Fiala, Riki Stamminger, Andreas Brunnthaler
Marcus Marschalek, Inge Sommerbauer, Johanna Hoblik, Melitta und Georg Fiala, Riki Stamminger, Andreas Brunnthaler

Ein Knüppel für den Knittel

(15. Februar 2019, Marcus Marschalek)

Wie kann man sich nur diesen Text merken? Damit ich weiß, was ich den Schauspielerinnen und Schauspielern abverlange und um für die Regie die Emotionen und Gefühle der Personen zu verstehen, versuche ich Teile des Textes vom Jedermann zu lernen. Doch der Text will nicht in mein Hirn.

Hugo von Hofmannsthals Text in diversen Textbüchern.
Hugo von Hofmannsthals Text in verschiedenen Textbüchern.

Hugo von Hofmannsthal hat ja mehrere Jahre am Jedermann geschrieben, um den alten Stoff „vom Sterben des reichen Mannes“ in Versform zu bringen. Genauer gesagt in Knittelverse. Der Knittelvers ist ursprünglich ein deutsches Versmaß des 15. bis frühen 17. Jahrhunderts. Aus dem Frühneuhochdeutschen übersetzt bedeutet das schlicht „Reimvers“. Wegen seiner vermeintlichen Unregelmäßigkeit wurde er bisweilen auch abschätzig „Knüttelvers“ genannt, nach „knüttel“ für „Knüppel“. Die einzige Vorschrift für den Knittelvers bestand darin, dass immer zwei aufeinanderfolgende Zeilen sich reimen müssen. Und beim Reimen wurde schon mal das eine oder andere Wort ein bisschen verunstaltet. Quasi mit dem „Knüppel“ ein paar Buchstaben weggefegt oder zwecks höherem Reim auch ein paar Buchstaben neu angeheftet oder „hingeknüppelt“.

Man muss also den Text wirklich beherrschen, denn es fällt auf, wenn es sich nicht mehr reimt. Spontanes Fabulieren auf der Bühne geht nicht!

Nach und nach erlebe ich verschiedene Phasen des Textlernens. In der ersten Phase wiederhole ich einen Absatz gefühlte 30 Mal und zwei Gedanken später ist der Text wieder weg. Dann kommt nach einer Woche Phase zwei: Plötzlich nimmt der Text Gestalt an. Ich weiß, welches Wort dem anderen folgt. Der Text wird klar und verständlich, die Worte ergeben plötzlich einen Sinn. Voll Eifer versuche ich die Zeilen jedem und jeder in meiner Nähe vorzutragen. Doch der Vortrag scheitert meistens, denn die Worte wollen nicht in der richtigen Reihenfolge aus meinem Mund kommen. Mittlerweile machen auch viele einen Bogen um mich. Erst nach ein paar Wochen beginnt Phase drei. Der Text ist in mir und kommt aufs Stichwort von selber heraus. So soll es sein. So wünsche ich es mir auch von meinen Schauspielerinnen und Schauspielern.

Und noch eine Erkenntnis. Beim Joggen lernt sich der Text viel einfacher! Aber Vorsicht, wenn man da im Laufen zu sehr aufs Handydisplay schaut, kommt einem schnell ein „Knüppel“ zwischen die Füße und dann ist der Fall nicht aufzuhalten. Aua! Textlernen kann schmerzvoll sein.

warm, kalt, warm

(10. Jänner 2019, Marcus Marschalek)

Mit soviel positivem Feedback habe ich nicht gerechnet. Rund 30 Personen haben ihr Kommen für den 10. Jänner 2019 zugesagt. Der Kick-off Termin für das Projekt Frau Jedermann in Rodaun. Doch jetzt habe ich ein Problem: Wo bringe ich für die Präsentation 30 Leute unter. Ich stehe in den Räumen der Rodauner Töpferwerkstatt „Werkerei“ und überlege, wie ich hier die Menschen „schlichten“ könnte. Schnell wird klar, ich muss umbauen und den großen Tisch zerlegen und aus dem Raum schaffen.

Eine Menge Ideen gehen mir für die Inszenierung durch den Kopf. Ich stelle mir bereits vor, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler in schwarzen Gewändern auf die Bühne ziehen. Man hört einen gregorianischen Choral. Auf der Bühne steht ein großer Glaszylinder. Dort fischen sich die Darstellerinnen und Darsteller das Gewand für ihre Figuren aus dem Zylinder und schlüpfen, im wahrsten Sinn des Wortes, in ihre Rollen. Der gregorianische Choral wird rhythmischer und verwandelt sich zum Rave. Die Party beginnt und wird unterbrochen, als der SPIELANSAGER auf die Bühne tritt.

Skizze Bühnenbild frauJEDERmann mit Glaszylinder.
Skizze Bühnenbild frauJEDERmann mit Glaszylinder. Die Darsteller fischen ihr Gewand aus dem Glaszylinder

Spielansager: „Nun habet allsamt Achtung Leut und hört was wir euch vorstellen heut

Ich stelle eine Präsentation zusammen und versuche, meine Ideen zu strukturieren. Immerhin möchte ich 30 Leute zum Mittun animieren. Schon bald wird sich entscheiden, ob es ein „Wir“ gibt und das Projekt startet, oder ob es nur eine nette Idee bleibt.

Skizze Bühnenbild mit Glaszylinder frauJEDERmann
Skizze Bühnenbild frauJEDERmann mit Glaszylinder. Die GUTEN WERKE stehen im Wasser.

Dann, am 10. Jänner, die erste Absage: „Mein Kind ist krank, tut leid, kann nicht kommen“. Fünf Minuten später: „Sorry, muss noch länger arbeiten“ und sogleich die nächste Nachricht: „Bin noch in Wr. Neustadt, schaffe es vermutlich nicht.“ Und so geht es weiter. Elf Absagen haben sich bis eine Stunde vor dem Kick-off angehäuft. Als dann auch noch jemand auf WhatsApp postet, „wenn alle absagen, dann komme ich auch nicht“, ist meine Stimmung am Boden.

Kick-off der Theaterproduktion frauJEDERmann am 10. Jänner 2019
Kick-off der Theaterproduktion frauJEDERmann am 10. Jänner 2019

Ich versuche mich zu motivieren. Ermutige mich, dass ich vor Kurzem noch mit zehn bis fünfzehn Menschen im Team mehr als glücklich gewesen wäre. Genau so viele werden vermutlich heute kommen. „Positiv denken, positiv denken …“, rezitiere ich wie ein Mantra.

Die ersten Interessentinnen und Interessenten treffen ein. Nur wenige kenne ich, viele neue Gesichter sind dabei. Ich vergleiche mit der Anmeldeliste und merke, da sind viele da, die sich gar nicht angemeldet haben. Der Raum der Werkerei wird immer voller, auf den Bänken rutschen die Menschen zusammen, alle Plätze sind besetzt. Wir sind 37! Eine Achterbahnfahrt der Gefühle war das heute: warm, kalt, warm. Ein emotionaler Start für ein tolles Projekt.

Einladung zum Mittun

(7. Dezember 2018, Marcus Marschalek)

Wie viele Menschen braucht unser Team? Wann könnte eine Aufführung angesetzt werden und meine ich das wirklich Ernst, mit der „Frau Jedermann“? Rasch war mir klar, die Sache muss gut geplant sein und braucht eine ordentliche Vorbereitungszeit. Der Spieltermin kann frühestens nach dem Sommer 2020 sein. Auf der anderen Seite besteht bei so langer Planung die Gefahr, dass dem Team auch die Puste ausgeht. In fast zwei Jahren kann sich viel ändern, wechseln Menschen Wohnorte, beginnen neue Partnerschaften, passieren viele unvorhersehbare Dinge. Schaffen „wir“ es die Produktion der Rodauner Frau Jedermann über zwei Jahre zu tragen?

Einladung zum Mitmachen beim Theaterprojekt „Jedermann“ im Dezember 2018. Noch ist die weibliche Hauptrolle nicht im Titel präsent. Es dauert aber nicht mehr lange.

Ach ja, das wichtigste Wort im vorangegangenen Satz war „wir“. Es braucht dingend ein Team! Schauspielerinnen und Schauspieler, Menschen für die Organisation und Verwaltung. Ich schreibe ein paar Emails und poste auf Facebook: „Herzliche Einladung zum Kick-off der Theaterproduktion Frau Jedermann 2020 in Rodaun. Wäre cool, wenn sich 10, 15 Personen melden! Zusammen könnten wir sicherlich etwas auf die Bühne stellen.

Der erste Schritt

(5. November 2018, Marcus Marschalek)

Ausgerechnet das bekannte Jedermann-Theaterstück wird von Hugo von Hofmannsthal in Rodaun geschrieben. Eine Herausforderung, gibt es doch wahnsinnig tolle Inszenierungen in Salzburg, tolle Interpretationen in ganz Europa. Da liegt die Latte hoch. Sollte ich die Produktion dieses Theaterstücks in Rodaun wagen, muss ich mir etwas Besonderes einfallen lassen. Vor allem muss ich von einem „Ich“, zu einem „Wir“ kommen, ein Team finden: Menschen, die theaterbeigeistert sind, Talente haben und in ihrer Freizeit für eine große Produktion arbeiten wollen. Erste Gespräche mit Bekannten haben mich aber etwas desillusioniert. „Du wirst niemanden finden, die Leute haben heutzutage keine Zeit“. Das war noch die aufbauendste Antwort. So schnell wollte ich aber nicht aufgeben. Ich wollte mein „Wagnis“ einem größeren Kreis bekannt machen und habe in den lokalen Facebookgruppen rund um Rodaun die Idee unter die Leute gebracht. Sogleich gab es Interesse und positive Resonanz. Ich werde es also angehen! Jedermann, du kommst heim nach Rodaun. 2020 sollst du aber eine Frau sein. Frau Jedermann. Der erste Schritt ist getan.

Marcus Marschalek, Intendant der Theaterproduktion frauJEDERmann
Marcus Marschalek, Intendant frauJEDERmann Sept. 2020 in Rodaun

Eine Idee kommt zur Welt

(6. August 2018, Marcus Marschalek)

Als Wahlrodauner habe ich im Sommer 2018 begonnen, mich ein bisschen mit der Vergangenheit von Rodaun zu beschäftigen. In Gesprächen mit alteingesessenen Rodaunerinnen und Rodaunern wurden auch berühmte Persönlichkeiten aus der Gegend erwähnt. Einer von ihnen: Hugo von Hofmannsthal.

Hugo von Hofmannsthal
Hugo von Hofmannsthal

Auch er war ein Wahlrodauner und hat hier in Rodaun, im Schatten der Bergkirche in einem Salettl den Text des „Jedermann“ geschrieben. Uraufgeführt wurde der Jedermann dann aber am 1. Dezember 1911 in Berlin und ab 1920 regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. Auch an vielen anderen Spielstätten gibt es seither den Jedermann in mannigfaltigen Bearbeitungen.

Das Gartensalettl in dem Hugo von Hofmannsthal den Text des Jedermann geschrieben hat.
Das Gartensalettl in dem Hugo von Hofmannsthal den Text des Jedermann geschrieben hat.

Warum nicht den Jedermann heimholen, ein Heimspiel hier in Rodaun an seinem „Geburtsort“ organisieren? Eine Idee, die mich den Sommer über nicht mehr loslässt und nach Umsetzung verlangt.