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Stillstand und Lockdown

(Georg Fiala, 3. April 2020)

Ein winziger unscheinbarer DNA Strang, dessen einzige Funktion es ist, sich durch Reduplikation zu vermehren, legt die ganze Welt in Fesseln. Die uns bekannte, die uns vertraute Welt ändert soeben ihr Gesicht. Notstand allerorten. Kaum ein Lebensbaustein bleibt in diesem Augenblick unverändert…

Das Coronavirus verändert vieles.

Auch frauJEDERmann ist davon betroffen. Die Nerven liegen blank. Aber was könnte uns die aktuelle Krise mit dem Blick auf unser Projekt sagen? Was können andererseits wir mit unserem aktuellen „Theaterblick“ der Welt im Krisenmodus sagen? Erkenntnis geschieht stets im Betrachten und der daraus hervorgerufenen Wahrnehmung. Und hier sei gefragt: Geht es jedem Einzelnen von uns in dieser allmächtigen Krise nicht ein wenig so wie der frauJEDERmann als Hauptfigur unseres Theaterstücks? Wurde nicht auch uns vor wenigen Tagen das gewohnte Leben fast aus heiterem Himmel auf den Kopf gestellt? Nie hätten wir vorher allen Ernstes mit dieser Entwicklung gerechnet. Ganz wie für frauJEDERmann, als sich der TOD ohne vorherige „Anzeig“ zu Wort meldet.
Der Tod ist in diesem Moment in vielen Bildern und noch mehr Nachrichten und Statistiken mitten unter uns getreten.

"Ich will die ganze Welt abrennen
Und sie heimsuchen Gross und Klein,
Die dein Gesetz nit woll'n erkennen
Und unter das Vieh gefallen sein
Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen,
Den will ich mit einem Streich treffen,
Dass seine Augen brechen
Und er nit findt die Himmelspforten",

sagt der vom POSTBOTEN beförderte TODesbote.

Ist es daher in dieser Situation weit gefehlt, an die Rolle des TODES aus unserem Stück zu denken? Der Gedanke drängt sich förmlich auf. Schliesslich gilt es als gesichert, dass der Coronavirus, der seit den 60er Jahren des 20. Jahrhundert bereits als Kandidat zur Urheberschaft von Pandemien zählt. Der in der aktuellen Mutation, wie in anderen Mutationen zuvor, sein gefährliches Potential entfaltet hat. „Ich komm halt schnell“.

Georg Fiala spielt den POSTBOTEN, der von GOTT als TOD berufen wird.

Noch deutlicher: wie wird man bei einer zeitnahen Aufführung beim TOD nicht an den Virus denken können? Ist die Betrachtung des Stücks für Publikum wie Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne eine andere als noch vor der Zeit des Virus? Auch dort geht es um Leben und Tod. Noch sind wir mitten in der Krise und können deren Ende mit allen Auswirkungen nur sehr schwer einschätzen. Bis September ist es noch weit und doch uns „allzu nah“.

In welcher Szene des Stücks befinden wir uns in unserer realen Welt? Vermutlich in der zentralen Sequenz, in der Szene TISCHGESELLSCHAFT. Wir, die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft, die Experten, die Krankenversorgung – jeder Einzelne von uns ist paradoxerweise um diesen Tisch versammelt und doch auch wiederum nicht. Das Szenario wird täglich neu verhandelt, neu bewertet. Viele neue Ideen, gute wie schlechte, angebrachte und weniger angebrachte, poppen auf in unsere alles umspannende Medienwelt.

Die letzte Probe der TISCHGESELLSCHAFT vor den Lockdown in der Rodauner Werkerei.

Wie wütet der TOD in diesem Spiel? Wie ist es um des TEUFELs Beitrag bestellt? Wer von uns spielt die ARME NACHBARIN? Wer gerät am Ende in den Schuldturm? Wer bezahlt mit seinem Leben? An welchem Tisch sitzen die COUSINEN, welchen Rat erteilt der GESELL? Und MAMMON? Wird es, wie stets im Ausgang von Krisen, auch Nutzniesser geben, die von der Krise der anderen profitieren? Welche Rolle spielt der BUHLER? Was macht FRAU JEDERMANN, die Hugo von Hofmannsthal in Schüttelreimen scharf in den Blick nimmt? Die bis hierhin das Hohelied des Erfolgs singt und alle anderen in angemessener Sippenhaftung wähnt. Was macht das alles mit ihr?

Selbst ein Allmächtiger liesse sich auf dieser Bühne der Allegorien ausmachen. Wer schwelgt derzeit in absoluter Handlungsvollmacht? Unser Blick fällt auf den Staat und seine Repräsentanten. Ausgestattet mit fast uneingeschränkter Machtfülle. Er teilt zu. Er schöpft aus der Fülle. Er steht als Garant dafür, dass wir gemeinsam gut durch diese Zeit kommen. Ist er letzten Endes ein barmherziger, milder, liebender Gott? Ein strafender? Wir dürften es in Bälde erleben.

Es ist kein Spiel mehr. „Nun ist Geselligkeit am End“. Wer jetzt Angst verspürt, verspürt diese Angst zu Recht. Wer jetzt hamstert, hamstert ebenso zu Recht. Wer jetzt allein ist, muss es länger wohl noch bleiben. Wenn dieser Albtraum zu Ende ist, wird in der bekannten Welt wieder einmal alles anders sein als zuvor.

Und doch stimmt dieser Blick nicht uneingeschränkt!

Recht haben wir alle. Selbst – welch ein Glück! – diejenigen unter uns, die weiterhin davon ausgehen, dass sich unser Schicksal alsbald wieder zum Guten wandelt und sich eben doch nicht erschöpft. Diejenigen, die in dieser spektakulären Zeit den Tod nicht scheuen. FRAU JEDERMANN gibt den Ton an: „Was bist Du für ein Bot?… Ausgesandt nach mir? Dem möchte wohl so sein. Ei ja!“ Sie bleibt widerständig. Und kreativ im Verhandeln. „Nur diese Nacht bis Sonnenaufgehn. Dass ich mit Reu mög in mich gehn…“

Roland Stumpf bei Probenarbeiten für frauJEDERmann.
Roland Stumpf als TOD bei einer Probe in der Rodauner Werkerei noch vor dem Lockdown.

Denn der nahe Tod – schauen wir, ein jeder in seiner partikularen Rationalität, doch genau hin –  wird für die überwiegende Mehrheit Aufschub gewähren. Noch sind wir nicht so weit. Noch müssen wir, nein, dürfen und sollten wir weiterhin davon träumen, ein Stück Theater auf die Bühne zu zaubern, das aus unserer Geselligkeit heraus, mit unserem Wohlgefallen füreinander und in Anbetracht unseres Lebensmuts auch diese Krise meistern wird. Nicht der Tod wird das Ende dominieren, sondern der Wille und die Kraft zum Leben. Nach der Krise dürfen wir wieder feiern. Sammeln wir alle Kräfte dafür!

Wünschen wir uns, dass wir bald wieder zusammen kommen können und dass uns – jedem von uns – Gesundheit weiterhin vergönnt bleibt!
Der TOD darf ruhig warten – „Bleib du nur stehn ein Weilchen hier“, selbst wenn er uns beständig hinterher rufen möchte: „Bin immer da, Euch allzu nah“. Wir hören ihn, aber wir leben. Könnte nicht dies „die Lehr vom Inhalt des kostbaren Spiels“ sein, die uns der POSTBOTE in seinem Brief frei Haus zustellt? 

„Dahinter aber liegt noch viel!“

Tod: „Dahinter aber liegt noch viel“

(Georg Fiala, 6. März 2020)

Es ist schon absurd. Da hat FRAU JEDERMANN mit all ihrer Energie ein wohlfeiles Leben geführt, in einer Zeit, die geprägt ist von den Früchten eines langen relativen Friedens und einem damit einhergehenden industriellen Wohlstand. Sie hat den ihren Erfolg begleitenden Absturz ehemals Gleichgestellter ins Lumpenproletariat zu einer Ideologie von der Unschuld des Geldes umdeuten gelernt, den eigenen Wohlstand, erwachsen aus erfolgreicher Spekulation, als Resultat ihrer eigenen Tüchtigkeit sehen wollen. Aber sie treibt, und sie spürt es überdeutlich, ein schlechtes Gewissen aus der realen Welt heraus, hinein in die Phantasien eines romantischen Lustgartens, hinein in die Arme ewig jugendlicher Liebe und ausschweifende Geselligkeit.

Roland Stumpf als TOD, der die Tafel der Tischgesellschaft abräumt. Probenarbeiten im Februar 2020 in der Rodauner Werkerei. Der TOD wird anfangs in seiner Rolle nicht ernst genommen und erkannt. Das macht ihn wütend.

Und jetzt kommt ein BOTE daher und will sie aus diesem Paradies vertreiben. Fordert gar Rechenschaft von ihr und droht mit dem Tod! Was für eine Anmaßung! Sie begegnet dieser unheilvollen Botschaft mit aller Hingabe. Abwehrend, trotzig, mit Mut und Verhandlungsgeschick bietet sie alles auf, was greifbar ist. 

Sie wird scheitern. Der Widerstand ihrer Seele gegen die Kränkung der Vergänglichkeit ist zwar nicht ganz so libidinös getrieben wie die eines Don Giovanni. Aber ebenso resolut und aufbegehrend. Wie die Zusammenhänge wirklich sind, entzieht sich vordergründig dem (Selbst)Bewusstsein, wirkt dennoch stetig und nach – „dahinter aber liegt noch viel“. Jedenfalls gelingt es FRAU JEDERMANN in aller Bedrängnis ihr Herz zu öffnen und den Zugang zu ihren wahren Gefühlen abseits aller Ideologien, ihrem Unbewussten freizulegen. 

FRAU JEDERMANN in der Doppelbesetzung mit Stephanie Pauly und Christina Kohlross stehen Roland Stumpf als TOD gegenüber. „Ganz und gar bin ich unbereit“, sagt FRAU JEDERMANN.

FRAU JEDERMANN entdeckt dabei eine neue Welt, von der sie bis dahin zwar ahnte, dass es die auch irgendwie geben muss, die sie aufgrund anderer, scheinbar viel wichtiger „Beschäftigungen“ bei sich selbst nie zulassen wollte. Es ist die Welt des Gemeinsamen, der Empathie, wahrer und unverstellter Liebe zum Nächsten, zum Mitmenschen. Um diese neue Welt sich selbst zu erschließen war es notwendig aus ihrer alten Welt quasi „wegzusterben“, damit ihre Aufmerksamkeit sich einer gewandelten Wahrnehmung zuwenden kann.

Es ist diese unbändige, thymotische Kraft und die Unbestechlichkeit im Wesen FRAU JEDERMANN, die eine heilbringende Botschaft für den Betrachter des Schauspiels sein könnte. Im Scheitern, im Sterben ihrer „alten“ Natur wird ein neues Selbst geboren, in dem GLAUBE an eine ausgewogene Zukunft und WERKE zum Wohle aller eine Heimat finden können. So, denke ich, wäre das Sterben FRAU JEDERMANNS erfahrbar als Ja zum Leben. Soll sie in unserer Interpretation durch einen TODder als Henker auftritt gerichtet werden? Statt mögliches neues Leben doch nur Tod?

Georg Fiala als TOD und Teil des Regieteams.

Wo bliebe bei unserem Spiel die Hoffnung auf das Unerwartbare? In unserer Interpretation spiegeln wir unserem Publikum nur die Sinnlosigkeit allen menschlichen Bemühens vor Augen; so jedenfalls könnte der Ausgang unseres Stücks verstanden werden. Die Höhen des künstlerischen Schaffens Hofmannsthals, von dem Denken seiner Zeit noch getragen, werden hier der Endgültigkeit menschlicher Erkenntnis aufgeopfert. So wie es – historisch betrachtet – stets geschieht, wenn sich der Mensch als Zeitgeber von Leben und Tod aufschwingt. Es ist wahrlich ein himmelweiter Unterschied auf der Bühne zwischen der Androhung des Todes und dessen Vollzug.

FRAU JEDERMANN Christina Kohlross und TOD Roland Stumpf proben die erste Begegnung zwischen den beiden Figuren. Bei frauJEDERmann wandelt sich der (POST)BOTE dem Auftrag GOTTES folgend zum TOD(ESBOTEN). Eine Rolle die er erst finden, entdecken und ausfüllen muss.

Ein Todesstoss auf der Bühne stünde für diese Symbolik. Im Zentrum abendländischer Kultur sollten als Leidtragende gerade wir sensibilisiert sein, nach all den wirkmächtigen Opfern vergangener Jahrhunderte.
Geben wir unserem Stück doch wieder etwas Luft zum Atmen. Statt (hin)gerichtet zu werden auf dem Leichenwagerl menschlichen Maßes, sollte frauJEDERmann für Ihren Mut und ihrer Hingabe drohender Endlichkeit Widerstand zu bieten, belohnt werden und Himmelspforten gerade für Lebenskraft wie der ihren offen stehen. 
Es sind in der Tat nur wenige Schritte bis zum Tempel Gottes. Auch auf unserer Bühne. Ohne Opfer allerdings findet nichts und niemand Zugang – „und sie nit finden die Himmelspforten – es sei denn‘?“ Die Antwort auf diese Frage Gottes kann nur lauten: in einem persönlichen Opfer, wie es uns bereits seit der Zeitenwende als ewiger Spiegel vorgehalten wird. Aber wer von UNS wäre schon bereit dort hinein zu blicken, wenn nicht ausgerechnet FRAU JEDERMANN?
Nichts anderes kann ein wirklich barmherziger Gott wollen. Oder es gibt ihn tatsächlich nicht. Quod erat demonstrandum. Mit welcher Absicht sollte GOTT den Menschen sonst Todesengel zur Seite stellen wollen?

Es braucht lediglich wenige dramaturgische Änderungen, um die Hoffnung auf eine Stunde Aufschub nicht sterben zu lassen. Es wäre doch im Stück bereits alles notwendige gesagt; soll doch jeder einzelne Zuschauer nach Hause gehen und für sich das passende Ende finden…

Alle zusammen! Erste gemeinsame Probe

(Marcus Marschalek, 24. November 2019)

Wir sind erfüllt von den Eindrücken und Erlebnissen unseres ersten großen frauJEDERmann Probenwochenendes. Ein toller Moment, wie sich unser Probenraum, ein Turnsaal in St. Elisabeth, mit vielen bunten Gestalten gefüllt hat und die Größe unseres Teams erstmals real sichtbar und erfahrbar wurde. Manches muss man einfach sehen und erleben, um es zu begreifen. 

Genauso geht es vielen Menschen aber auch mit dem Text von Hugo von Hofmannsthal. Man kann ihn oft lesen, auswendig lernen, rezitieren. Doch erst beim Spielen, beim dialogisch auf die Bühne Bringen, entfaltet er für uns nach und nach seine ganze Tiefe und Kraft.

Bei uns allen ist die Lust und der Eifer geweckt. Wir wollen eine beeindruckende und bemerkenswerte Produktion auf die Bühne stellen und hier in der Gruppe wird auch klar, das verlangt noch viel Übung und Training. 

Das Regieteam war kreativ und hat die Inszenierung mit vielen Ideen und Einfällen “beglückt”. Spektakuläre Effekte, die präzisiert werden müssen und in spätestens zehn Monaten wie ein Uhrwerk ablaufen sollen.  Das alles wird uns viel Mühe und Fleiß kosten. Für welchen Lohn? Alle im Team arbeiten ehrenamtlich! 

Johanna Hoblik und Markus Gold bei  Probenarbeiten für die Theaterproduktion frauJEDERmann.

Doch jeder hat so seine ganz privaten Motive, für die er das Alles auf sich nimmt. Sei es die Liebe und Begeisterung für Hofmannsthals Texte, oder die Chance, bei einer großen professionellen Produktion mit dabei zu sein, wieder andere frönen ihrem Beruf und Hobby: Schauspielen. Doch für uns alle ist das Arbeiten an den Rollen und Figuren, die wir auf der Bühne verkörpern, ein an die Grenze gehen, Schranken ausloten und den Horizont erweitern – im Lachen und Weinen. Im Team gemeinsam auf dem Weg zu sein, zu geben und zu nehmen, ist eine zutiefst menschliche und beglückende Erfahrung, die wir hier machen können und die all den Aufwand wert ist. Erfahrungen, die wir auch mit unserem Spiel an unser Publikum weitergeben wollen.

Der “Dampfer” frauJEDERmann hat nun abgelegt und ist in voller Fahrt auf See. Ankunftsdatum: 4. Sept. 2020. 19.30 Uhr am Rodauner Kirchenplatz, 1230 Wien.


Kopf und Körper: Probenstart

(Marcus Marschalek, 13. Oktober 2019)

Es ist also so weit. Wir wagen uns an die ersten Proben. Ein bisschen ging es uns schon so wie in einem Rennauto an der Startlinie. Der Motor läuft auf voller Drehzahl und alles wartet auf das „Go“. Es sind Sekunden, die endlos erscheinen, bis es endlich ans Fahren geht.

Christa Kohlross und Roland Stumpf proben die Szene FRAU JEDERMANN und der TOD

Ein Jahr lang haben wir nun mit dem Kopf gearbeitet. Haben Texte hin und her gewälzt, um jede Silbe gerungen. Wir haben Biographien entwickelt und Beziehungen zwischen den Figuren geschmiedet, riesige Gedankengebäude aufgebaut. Nun gilt es aber ,all das vorerst zurückzulassen. Nun ist Spüren angesagt. Das ist gar nicht einfach, wenn der Kopf schon so präsent war.

Wie fühlt sich das auf der Bühne, im Spielen an, all das, was wir da an theoretischen Anweisungen in unser Textbuch geschrieben haben? Von der Regie her ist es uns wichtig, dass die Figuren auf der Bühne in einen echten Dialog treten. Aufeinander reagieren, die Emotionen des Gegenübers aufnehmen. Dazu braucht es aber Textsicherheit. 

Probenarbeit für die Szene FRAU JEDERMANN und MUTTER. Riki Stamminger und Andrea Drössler, Burgi Müller und Isolde Cronenberg begegnen einander das erste Mal auf der Probenbühne.

In gefühlten 100 Emails wurde mehrfach die Deadline ans Team verschickt. 14. September 2019 war das magische Datum: Ende der Textlernzeit und Start der Probenzeit. 

Und hier erleben wir unsere erste Krise. Bei fast allen Schauspielerinnen und Schauspielern sitzen die Text noch nicht. Die Routiniers unter uns wissen, es sind zwei Paar Schuhe: Das eine ist es, den Text in gewohnter Umgebung auswendig aufzusagen und es ist etwas ganz Anderes mit einem Gegenüber die Verse in neuer Umgebung im Dialog zu sprechen. Die Sprache Hofmannsthals  lässt auch kein Fabulieren zu. Wer seinen Text nicht kann, fällt rasch aus seiner Rolle, vergisst auf den Anderen zu reagieren, ist plötzlich mit sich und seinem Text beschäftigt.

Christa Kohlross als FRAU JEDERMANN
Roland Stumpf als TOD

Wie in allen Teams gibt es auch bei uns die Fleißigen, die brav geübt haben und es schon ganz gut hinbekommen und die, die 1000 Entschuldigungen finden, warum sie noch nicht zum Lernen gekommen sind und weitere 1000 heilige Eide sprechen, dass der Text bei der nächsten Probe sitzen wird. Es sind die Momente, wo wir uns als großes Team begreifen, das voneinander abhängig ist. Einer kann ab jetzt alles zu Fall bringen, eine Probe schmeißen. 

Es ist der Zeitpunkt,  ab dem es nur noch gemeinsam geht. Ab jetzt müssen wir uns aufeinander verlassen können, auf unsere Gegenüber vertrauen. Das ist gar nicht einfach, sind wir ja ein recht bunter Haufen. Rund 50 Schauspielerinnen und Schauspieler und etwa 20 Menschen in der Organisation und Technik. Manche sind schon ein Jahr mit dabei, manche seit ein paar Monaten und einige haben uns auch wieder verlassen.

Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE
Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE

Aber wie ist das mit dem Vertrauen? Was gibt mir Sicherheit, dass mein Gegenüber die Sache genauso ernst nimmt, dass es durchhält? Es wird schnell klar: Sicherheit haben wir nicht, aber durch die gemeinsame Arbeit entsteht zwischen uns Beziehung, wir kommen uns Schritt für Schritt näher. Nach jeder Probe ist zwischen uns ein kleines Stück mehr Verbindlichkeit gewachsen. Es sind Momente entstanden, in denen wir uns als Menschen begegnen, nicht bloß in unseren Rollen. Das schafft auch gegenseitige Verantwortung.

Stefanie Pauly als FRAU JEDERMANN in Feierlaune.

Und genau um das geht es ja auch beim “Jedermann”: Einander begegnen, auf eine zutiefst ehrliche Art. FRAU JEDERMANN ist ja auf den ersten Blick gar nicht so ein übler Mensch. Sie gibt etwa der ARMEN NACHBARIN eine wertvolle Münze, sorgt sich um des SCHULDERNS WEIB und KIND, organisiert ihnen sogar Wohnung und Auskommen. Sie lädt Verwandte und Freunde ein, gibt große Feste. Viel mehr, als vielleicht jeder von uns für die Verwandtschaft und Bedürftige tun würde. Was ist es aber, dass FRAU JEDERMANN in ihrem Leben scheitern lässt und sie im Angesicht des Todes so in die Krise stürzt? Wir meinen entdeckt zu haben, dass sie den Menschen, die ihr begegnen, nicht wirklich nahe kommt. Sie lässt sich nicht auf ein Du ein. So sagt sie etwa, nachdem sie für des SCHULDNERS WEIB alles organisiert hat: “Doch will Plärens ledig gehen, ihre Not nit wissen, noch Gejammer!”

Die erste Probe für FRAU JEDERMANN und der TOD ist beendet.

Dort scheint eine der Kernaussagen des “Jedermann” zu sein. Sich auf dein Du einlassen. Einem Du nahe kommen, mit einem Du ein Stück des Weges gehen. Den Weg zu einem gemeinsamen Weg machen. So kann geglücktes, erfülltes Leben entstehen. Wer sich auf ein Gegenüber einlässt, ist nicht mehr allein. 

Nicht alleine auf der Bühne stehen. Sein Gegenüber begreifen, seinem Gegenüber zuhören, auf sein Gegenüber reagieren. Darum geht es nun in den Proben: Um ehrliches, authentisches Reagieren in einem Dialog. Eine ganz schön große Herausforderung!

In Beziehung treten

(Marcus Marschalek, 29. Sept. 2019)

Wir planen frauJEDERmann als Freiluftaufführung am Rodauner Kirchenplatz vor der Bergkirche. Und so starten wir auch mit unserer allerersten Probe im Freien. Im Garten der Rodauner Werkerei, dem Vereinslokal der frauJEDERmann Produktion, messen wir uns die spätere Bühne ab. 12 x 5 Meter gilt es zu bespielen. Ein Heurigentisch imitiert die spätere Bar und die stylischen Kistenelemente sind aktuell Gartensessel.

Auch bei den Kostümen sind wir noch lange nicht am Ziel. Aber vorerst geht es ja darum, die Schauspielerinnen miteinander in Beziehung zu bringen. Die eingeübten Texte sollen ja nicht bloß aufgesagt werden, sondern in einem echten Dialog fürs Publikum zum Leben erweckt werden.

Geprobt haben wir die Szene zwischen FRAU JEDERMANN und ihrer MUTTER. Da wir alle Rollen doppelt besetzt haben, waren wir vier Schauspielerinnen und Vertreter vom Regieteam. In den kurzen Videosequenzen haben wir unsere Darstellerinnen nach ihren Eindrücken nach der allerersten Probe gefragt.

„Im Proben kann viel Unerwartetes entstehen“, erzählt Andrea Drössler, Darstellerin von FRAU JEDERMANN im Interview unmittelbar nach der allerersten Probe.

Burgi Müller erzählt über die Schönheit des anfangs als sperrig wahrgenommenen Textes und wie vertraut ihr mittlerweile die Knittelverse geworden sind.

„Auf der Bühne muss man sich auf den Anderen einstellen. Spüren, was mein Gegenüber jetzt in diesem Moment empfindet“. Riki Stamminger, Darstellerin der MUTTER, formuliert das Credo unserer frauJEDERmann Theaterproduktion im Interview.

Isolde Cronenberg kann nach der ersten Probe die Figuren MUTTER und FRAU JEDERMANN in ihren Motiven gut verstehen und ihre Beweggründe nachvollziehen. Doch „gut gemeint ist das Gegenteil von gut und so bleibt die Predigt der Mutter recht erfolglos“. So jedenfalls formuliert Schauspielerin Cronenberg ihre Erfahrung im Erspüren ihrer Rolle als MUTTER.

Hofmannsthal’sche Lebensspuren

(Melitta Fiala, 10. September 2019)

Wieder einmal habe ich – wie so oft in den letzten acht Jahren – das Grab Hugo von Hofmannsthals besucht, welcher schräg vis à vis meines älteren Sohnes am Kalksburger Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Also hat sich im Laufe der Jahre über die von mir bewusst gewählte Nachbarschaft der Gräber hinweg eine ungewöhnliche Verbindung entwickelt, eint mich doch mit dem von mir seit frühester Jugend verehrten Dichter dasselbe Schicksal: der Verlust eines Sohnes, dessen Lebenswille erschöpft war. 

Der Kalksburger Friedhof mit Blick auf die Rodauner Bergkirche.

Wenn ich mich mit Hofmannsthals Lebensspuren befasse, erkenne ich einen etwas aus seiner Zeit gefallenen, altmodischen und konservativen Mann, den sein Zeitgenosse, Freund und Bewunderer Stefan Zweig folgendermaßen beschreibt: 

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite in der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der sich schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr mit unverlöschlichen Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

1893: Hugo von Hofmannsthal im Alter von 19 Jahren.

Mein ganz persönlicher literarischer Geschmack wurde u.a. durch Hofmannsthals Sprachgebrauch und sein Ausdrucksvermögen geprägt, weshalb ich auch wie elektrisiert war, als ich von der geplanten Uraufführung des Jedermann in Rodaun Kenntnis erhielt. Nach dem Treffen mit dem Mastermind der frauJEDERmann-Produktion, Marcus Marschalek, wollte ich mich selbst vor allem im Regieteam einbringen und nur die kleine Nebenrolle des „Fräuleins“ übernehmen, während mein Mann Georg sich für die Rolle des „Todes“ interessierte.

Soweit, so klar. Eingebunden in ein beeindruckend kreatives und vielfältiges Regieteam fanden viele gute Ideen Eingang in unsere Inszenierung. Anfänglich unterschiedliche Vorstellungen bezüglich Textnähe zum Original des Nostalgikers Hofmannsthal, der in seinem Stück „die Einsamkeit, das Leben und den Tod“ beschwört und einer im Sprachduktus modernisierten Version wurden zugunsten der Schönheit der Hofmannsthal’schen Knittelreime ausgeräumt. Rollenbiografien wurden erarbeitet und nahmen immer mehr Gestalt an, das aufwändige Regiebuch wurde in Angriff genommen.

Melitta Fiala bei einer der zahlreichen Regiebesprechungen.

Und dann gab es Diskussionsbedarf: Die Einen bevorzugen die von Hofmannsthal gezeichneten anmutigen Bilder, die Anderen eine deutlichere Übersetzung in den modernen Zeitgeist. Vor allem wurden die wenigen von Hofmannsthal der Tischgesellschaft zugesprochenen beschwipst enthemmten Zeilen heiß diskutiert.

Das gleiche Fräulein flattert auf
»Er ist geritten von hinnen«
»O weh, wer soll mich minnen!«
Einige wollen sie dämpfen, sehen alle auf Jedermann.
ein anderer Gast fällt ein
»Steht auch der Wald voll grünen Schoß«
»Wohin doch ist mein Trautgenoß«.
(Originaltext der Szene Jedermann / Tischgesellschaft )

Marcus Marschalek im Interview über die Arbeit im Regieteam ad Frivolität der Tischgesellschaft.

Oder umgekehrt: Was passiert, wenn FRAU JEDERMANN sich voll Lust auf den BUHLER freut und sich mit ihm für die Nacht in ein Lusthaus träumt? Der BUHLER als Erfüllungsgehilfe für sexuelle Fantasien von FRAU JEDERMANN?

Im Regieteam haben wir damit eine Diskussion begonnen, die uns noch länger begleiten wird. Vor allem ist es das Eine, in der Theorie darüber zu sprechen. Das Andere wird es sein Hoffmannsthals Figuren auf der Bühne, in ihrer Geschlechter umkehrten Version, Leben einzuhauchen.

Dem Probenbeginn im Herbst sehen wir mit allergrößter Freude entgegen. Und was Frivolität und Sexualität von FRAU JEDERMANN betrifft, versuche ich im Team den oftmals unbequemen kontroversiellen Part zu übernehmen. Ich wünsche uns allen das Beste! Möge die Übung gelingen!

Regiebuch: Der Film im Kopf

(Roland Stumpf, 5. September 2019)

Das Bearbeiten des Regiebuchs  der “ FrauJEDERmann“ ist für mich wie das Ansehen eines Films , während dem ich mir Notizen mache. Ich notiere dabei nicht den Inhalt des Films, sondern die gerade gezeigten Emotionen der Schauspieler,  ihre Bewegungen zueinander, ihre Positionen, von wo aus sie agieren , die Requisiten, benutzten Gegenstände und Bauten und die untermalende Musikrichtung. Ich achte dabei akribisch auf die Wirkung, die das Gesehene in mir erzeugt.  Sie ist mein Korrektiv und Maßstab. Der Text an sich tritt vor der Anmutung und der Stimmigkeit der Gesamtszene in den Hintergrund. Er ist das Gerüst, an dem ich das Spiel und die Wirkung des Spiels festmache. Wichtig ist, dass sich in mir ein Gefühl des Hineintauchens ins Geschehen entwickelt , bei dem kein Teil als störend empfunden wird, sondern jedes Element den Phantasieprozess beflügelt. 

Roland Stumpf beim Arbeiten an seinem „inneren Film“

Ich lese also  Szene für Szene den Text des Stücks, schließe nach jeder Textpassage die Augen und sehe “meinen Film”, in dem sich das gerade Gelesene  abspielt. Was ich vor diesem inneren Auge sehe, notiere ich als Regieanweisung, immer im Abgleich mit den Emotionen, die dieser gesehene “Filmabschnitt” in mir hervorruft.

Auf mehr als 150 Seiten ist das Regiebuch von frauJEDERmann bereits angewachsen.

Ich muss sagen, dass Hofmannsthals  Stück unter die Kategorie “Actionfilm” fällt. Da gibt es nur ganz wenige Passagen, die Tiefgründigkeit, Kontemplation und inneren Dialog verlangen. Bei frauJEDERmann tut sich etwas und das durchgehend.  Hier wird das schrille, laute Leben gezeigt, das frauJEDERmann führt; ihre ausgelassenen und frivolen Gäste; ihr schillernder Gesell; ihr triebhafter Umgang mit der Liebe; ihre Begegnungen mit dem Leid und der Armut ihrer Mitmenschen und ihre verständnislose Reaktion darauf;  der Unmut Gottes über diesen Lebenswandel; die notgedrungene Erfindung des Tods; die Besinnung frauJEDERmanns in ihrer letzten Stunde und die Heimholung eines geläuterten Menschen in die geistige Welt. Das Stück ist atemlos wie das Leben.  

Diese permanente Abfolge von Lebensschauplätzen und Befindlichkeiten  gibt der Regie ein weites Interpretations- und Spielumfeld. Ich bin daher “in meinem Film” vor lauter Schauen gar nicht nachgekommen, das Gesehene zu notieren. Ein Phänomen ist mir dabei  besonders aufgefallen. Nicht nur die Darsteller, die eingesetzten Requisiten und das Bühnenumfeld befeuern das Spiel , sondern auch das Publikum wird zu einem Akteur. Immer wieder wird es ins Geschehen hineingezogen, muss mitmachen,  kann sich dem Prozess auf der Bühne nicht entziehen. Die Auftritte der Schauspieler sind daher so gewählt, dass sie nah am, bzw. durch die Mitte des Publikums erfolgen und dabei das Publikum ins Spiel einbeziehen. Das ergibt eine Symbiose zwischen Spiel und Publikum, der  “…man sich nit entziehen mag”, so formuliert es GOTT bei der Auftragsübergabe an den TOD. 

Bei frauJEDERmann wird im Team gearbeitet. Acht Personen sind wir bei der Regie und die jeweiligen „inneren Filme“ werden bei den Regietreffen editiert, geschnitten, und gekürzt. Manchmal werden auch Szenen einfach gestrichen. Ein für jeden fordernder Prozess.

Herausgekommen dabei  ist ein sehr detailliertes Regiebuch, das für die Schauspieler genaue Vorgaben enthält. Das kann für Manche befremdlich , von Anderen  als sehr hilfreich empfunden werden. Ich meine, dass das Regiebuch ein breites Spektrum an Spielgelegenheiten vorgibt, die die Schauspieler mit Leben erfüllen sollen. Sie brauchen daher wenig nach Gelegenheiten für ihr persönliches Spiel zu suchen, denn diese Gelegenheiten zeigt  das Regiebuch auf. Vielmehr soll sich ihre ganze schauspielerische Begeisterung in den vielen Spielgelegenheiten entfalten, die das Regiebuch aufzeigt.

Diskussion über FRAU JEDERMANN und ihren BUHLER. Wie „sexy“ darf oder soll FRAU JEDERMANN sein? Im Bild von li nach re: Marcus Marschalek, Riki Stamminger, Georg und Melitta Fiala, Roland Stumpf, Marion Prechtl.

Ich selbst bin auch Darsteller des TODS. Ich habe nach meinen eigenen Regieanweisungen die Rolle des TODS oftmals für mich alleine durchgespielt. Das Interessante dabei war, dass ich mich durch meine eigenen Regieanweisungen nicht beeinträchtigt gefühlt habe, sondern  eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten in Mimik, Gestik und Sprache gefunden habe, die ich völlig frei anwenden konnte, ohne die Regieanweisung vergessen oder umstoßen zu müssen.  

Das Regiebuch ist das Eine, die Regiearbeit bei den Proben ist etwas Anderes. Ich bin sehr gespannt , wie sich die Regiearbeit im Kopf  mit den SchauspielerInnen auf der Bühne umsetzen lässt, welche neuen Inputs von den SchauspielerInnen kommen, ob man etwas verändern oder neu einbauen wird und ob sie den  Schauspielern hilft, sich zu entfalten und ihre Freude am Spiel zu fördern. Schlussendlich soll sie der Arbeit zwischen Regie und Schauspielern und damit einer eindrucksvollen Aufführung von frauJEDERmann dienen.

Der Text und seine Botschaft

(Georg Fiala, 28. August 2019)

Noch stehen wir fast am Anfang. Der Text zu den Rollen wird fleißig geübt, aber noch ist nichts auf der Bühne gespielt. Ich denke, für jeden Beteiligten des Projekts steigt die Spannung, je weiter sich die vielen Überlegungen zum zeitgemäßen „Gendern“ des Textes zu Bildern und Szenen, mit selbstkomponierter Musik, Bühnenbild und Kostümen zu einem Ganzen fügen werden. Wie lässt sich möglichst viel vom Geist Hofmannsthals und seinem Blick auf das Geschehen seiner Zeit zu einem Ausdruck in unsere hochmoderne, aktuelle Zeit überführen? Was hat sich seither verändert? Wir können nur unser Bestes versuchen zu geben, dass durch unser Spiel auf der Bühne diese Zusammenhänge deutlich werden.

Georg Fiala beim Textlernen. Er wird den TOD bei frauJEDERmann spielen. In der Beschäftigung mit dem Text macht er sich seine Gedanken zu Texttreue und den Interpretationsebenen von Text.

Aber womit fülle ich als Schauspieler die Worte meines Textes, sodass das, was ich mir daraus erarbeite, lebendig werden kann? Allmählich nimmt die Gewissheit zu, dass uns unsere „Rollen“ vereinnahmen werden, sie werden Teil unser selbst. Aber wie wird sich die Rolle im Proben des Stücks noch verändern? Welche Möglichkeiten des Ausdrucks sind im Text angelegt, die ich selbst eher noch mehr erahne, als wirklich zu erkennen? 

Vielleicht sind theoretische Überlegungen zur Kommunikation an sich dazu geeignet, unser Bewusstsein zu heben, um das „praktische“ Spielen der Rollen auf der Bühne mit notwendiger Leichtigkeit zu füllen.

Zeitgemäße Theorien zur Kommunikation, so viel habe ich verstanden, gehen davon aus, dass der semantische Gehalt einer Aussage vom Empfänger der Botschaft in Form unterschiedlicher Anteile erschlossen wird. Etwa gleiche Teile der Aussage werden vom Wortsinn an sich und der Sprach-Modulation, also etwa Betonungen mit Höhen und Tiefen, von Timbre und Pausen etc. getragen. Rund 70% des semantischen Gehalts aber werden – wiewohl unbewusst oder gerade weil unbewusst-  vom Empfänger allein durch Körpersprache, Gestik und Mimik wahrgenommen! 

Das scheint zunächst paradox, erklärt aber auch, warum es für uns Menschen oft schwer ist, uns einander verständlich zu machen. Die Interpretation einer Botschaft durch den Empfänger unterscheidet sich oft wesentlich von der beabsichtigten Botschaft des Senders! Aus der Psychologie kennt man zudem das Phänomen von „double-bind-Botschaften“. Widersprüchlich interpretierbare Aussagen zeitgleich transportiert, können nicht nur unzureichend adäquat verarbeitet werden, schlimmer noch, sie vermögen krankmachendes Potential für den Empfänger in sich zu tragen.

Die erste Jedermann Aufführung in Salzburg 1920. JEDERMANN wurde damals von Alexander Moissi gespielt. Foto: Archiv der Salzburger Festspiele/Ellinger

Scheinbar eindeutige Botschaften erhalten andererseits durch entsprechendes „Schauspiel“ ein tiefgründiges Amalgam vielfältiger Botschaften differierender Bedeutungen, die den Empfänger mit einem ganzen „Strauß“ an Emotionen durchfluten können, die ohne „double bind“ gar nicht zugänglich wären. „Das Wort allein macht mir schon bang, der Tod ist wie die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt“. 

Die Macht des Todes erhält in der Metapher eine Gestalt, mit einer ganz anderen Wirkmacht, als im reinen Wort an sich. Der Tod wird lebendig im Bild der Schlange und erhält in der Rolle des Stückes einen Raum zur Auseinandersetzung, zu dem sich quasi eine neue Tür öffnet.

Rückbezogen auf die Rolle als Darsteller auf der Bühne, wird vom Nebeneinander aus gesprochenem Wort, der „Anhebung“ meines aktiven Sprechens und begleitender Körpersprache dem Zuhörer und Zuschauer eine Vielfalt an Interpretationen „abverlangt“, mit der er als Empfänger der Botschaft in unser Spiel mit hineingezogen wird und die in ihm selbst erst lebendig werden kann.

Der „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 1952. Den JEDERMANN spielte Will Quadflieg. Foto: Archiv der Salzburger Festspiele/Madner

Zuträglich zumal die bildreiche Sprache Hofmannsthals, gut „durchgeschüttelt“ mit streng durchkomponiertem Reim, und „leicht angestaubt“ mit einer fast befremdlich „anmutenden“ Wortwahl, die wie aus einer vormaligen Zeit kommend, dem Stück die notwendige Weite verleiht. In dieser Weite wiederum können Rollen vielfältiger angelegt und interpretiert werden, als dies mit unserer – gewohnten – Alltagssprache wohl gelänge.

So gesehen scheint mir die lange und herausfordernde Diskussion um die „Texttreue“ sehr wichtig gewesen zu sein. Lassen wir uns selbst vom Zauber Hofmannsthalscher Textkunst – mit eigenen Textzusätzen gewürzt – in den Raum wirklichen Spiels fortreißen! Das „Verstehen“ des Textes allein ist weniger aufschlussreich, als vielmehr das „Einschwingen“ auf Rhythmus und Tonlage einer Sprache, die uns SchauspielerInnen zum „Tanz auf der Bühne“ auffordert. Leichtigkeit und Tiefe im Spiel zugleich sollen uns tragen, dem Publikum zum Genusse!

Ein Regiebuch entsteht

(Marcus Marschalek, 5. August 2019)

Vor mir blaue Wellen. Das Meer rund um die kroatische Insel Korčula soll mich für die Inszenierung von frauJEDERmann inspirieren. Ich sitze mit meinem Laptop auf einer kleinen Terrasse und klopfe Ideen in die Tasten. Seit Monaten beschäftige ich mich nun schon mit dem Jedermann und viele Ideen für die Umsetzung schwirren durch meinen Kopf. Doch ich bin nicht alleine für die Regie bei frauJEDERmann verantwortlich. Wir sind ein mehrköpfiges Regieteam. So sitzt etwa 900 Kilometer weiter in Wien gerade auch Roland Stumpf vor seinem Computer und Riki Stamminger macht ähnliches im Westen von Österreich. Regie führen im großen Team? Das mag für manche ungewohnt klingen, wenn man aber in die Geschichte von Theaterproduktionen durch die Jahrtausende schaut, gab es das alles irgendwann schon einmal.

Marcus Marschalek bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann auf Korcula
Marcus Marschalek bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann auf Korcula

Neu ist vielleicht bei uns, dass wir an beliebigen Orten, über hunderte Kilometer voneinander entfernt sind uind und dennoch im Team arbeiten. Dank Google-Docs und Mobiltelefon können wir zentral und gleichzeitig auf unser Regiebuch zugreifen und sehen in Echtzeit, was andere gerade schreiben. Hat man sich erstmal dieser Herausforderung gestellt, dass einem quasi jederzeit beim Denken zugeschaut werden kann, Ideen sofort aufgegriffen, weiterentwickeln oder auch beiseite geschoben werden, ist das genial.

Aber was mache wir als Regieteam? Wie werden wir gemeinsam Regie führen? Dazu muss man sagen, dass es “die Regie” als solche, noch gar nicht so lange im Theater gibt. In Wien etwa, wurde erst 1771 jemand unter dem Titel “Regisseur” am Theater angestellt. Regisseur ist also ein relativ junger Beruf in der langen Geschichte des Theaters, der zunächst die administrativen und organisatorischen Belange rund um eine Theaterproduktion zu erledigte hatte. Die Wortherkunft aus dem Französischen hat auch weniger mit Kunst, als vielmehr mit Eintreiben der “Régie”, einer Steuer zu tun. 

Riki Stamminger bei der Arbeit am Regiebuch.
Riki Stamminger bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.

Offensichtlich waren spektakuläre Inszenierungen von der Antike über das Barock bis ins 18. Jahrhundert auch ohne künstlerisch begabten Regisseur möglich. Das scheint heute fast undenkbar, wo doch oft der Regisseur im Mittelpunkt einer Produktion steht. Soll uns das Mut machen?

Im Mittelalter zum Beispiel, die Zeit der Mysterienspiele und des Ursprungs der Jedermann-Spiele, gab in den Kirchen und Klöstern anonyme Verfasser von sehr detaillierten Spiel-Anweisungen zum “Geistlichen Schauspiel”. Es ging darum, bestimmte Darbietungen effektvoll in Szene zu setzen. So ist von plötzlichem Auslöschen des Kerzenlichts die Rede, oder es wird beschrieben, wie an Seilen hängend Requisiten durch das Kirchenschiff geschwungen werden. Auch hat man etwa im 12. Jahrhundert mit Donner-Geräuschen und anderen Klängen versucht dem Publikum in oder vor den Kirchen Aufmerksamkeit abzuringen. Im Team der Schauspieltruppe hat man sich damals so einiges einfallen lassen und umgesetzt. Wie aber werden wir unser Publikum 2020 vor der Rodauner Bergkirche in den Bann ziehen?

Vor mehr als hundert Jahren, am 1. Dezember 1911, hat Max Reinhardt die Premiere des “Jedermann” von Hofmannsthal in Berlin inszeniert. Reinhardt hat sehr detaillierte Regiebücher angefertigt und sehr konkrete Vorstellungen für seine Darstellerinnen und Darsteller mit in die Proben gebracht. Bertold Brecht wiederum, der damals ein Jugendlicher war, hat etwas später seine Schauspielerinnen und Schauspieler in den Proben vor allem ungezwungen spielen und probieren lassen und war mehr neugieriger Beobachter als Regie-Regent. Anweisungen gab es von ihm kaum. Ein Blick in die kurze Geschichte des Regie-Berufs zeigt, dass es zwischen diesen beiden Herangehensweisen fast alles an Regie-Zugängen gab und gibt.

Roland Stumpf bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.
Roland Stumpf bei der Arbeit am Regiebuch für frauJEDERmann.

Als frauJEDERmann Team versuchen wir Stück für Stück unseren eigenen Regie-Weg zu finden. Als ich vor ziemlich genau einem Jahr erstmals über den Jedermann in Rodaun nachgedacht habe, sind mir schnell konkrete Ideen und Interpretationen des Stoffes eingefallen. Im Dialog mit anderen haben sich dann Herangehensweisen weiterentwickelt, einige Ideen wurden beiseite geschoben. Aber immer hatte ich das Gefühl, dass in der Auseinandersetzung mit anderen die Interpretation an Schärfe gewinnt. Aus dem “Ich” wurde schnell ein “Wir”, ein Regie-Team, in das von Anfang an auch die Schauspielerinnen und Schauspieler eingebunden waren. Schnell wurde uns klar, wer im großen Team an einem Stoff arbeitet, muss die Dinge genau dokumentieren, für andere nachvollziehbar machen und so sind wir bei der Methode nahe bei Max Reinhardt gelandet. Wie er verwenden wir bunte Farben, um in unserem Regiebuch etwa Text, Requisiten, Aufgänge und Abgänge, Musikeinsatz, Orte oder auch Bewegungen genau anzugeben und zu markieren, auch weil wir alle Rollen in Doppelbesetzung spielen. Hundert Jahre nach Reinhardt machen wir das aber digital, mit Hilfe von Google Servern.

Es ist für uns spannend zu sehen, wie sich Ideen konkretisieren. Das Ringen um ihre Umsetzbarkeit uns manchmal neue Wege einschlagen lässt, unserer Interpretation des Jedermann-Stoffs einen neuen Drall gibt und spannende Aspekte des Spiels aufzeigt. “Aus dem Inhalt die Lehr ausspüren”, so steht es im Prolog des Jedermann von Hofmannsthal und das ist und war der Fokus unserer Arbeit am Regiebuch der vergangenen Wochen. Was müssen wir tun, dass unser Publikum sich für das Stück und den Text zu interessieren beginnt und die Verse als Inspiration für eigene Überlegungen aufgreift? Daraus ergibt sich, dass wir das Stück attraktiv und verständlich umsetzen müssen.

Im Regieteam haben wir uns vorgenommen einen sehr klaren und durchaus detailliert ausformulierten “roten Faden” unseren Schauspielerinnen und Schauspielern auszulegen. In zwölf Szenen haben wir frauJEDERmann aufgeteilt und in jede dieser Szenen wollen wir bei der Probenarbeit mit konkreten Vorstellungen und Zielen gehen. Unser Regiebuch zählt schon fast 200 Seiten. Wenn man sein Territorium gut kennt, vieles durchdacht und abgewogen hat, dann hat man auch den Mut den Pfad zu verlassen und sich im freien Gelände zu bewegen. Das heißt, wir freue uns schon auf die Arbeit mit den Darstellerinnen und Darstellern und werden dann hoffentlich nicht nur Guides, sondern so wie Bertold Brecht, auch neugierige Beobachterinnen und Beobachter sein, die bereit sind festen Boden zu verlassen, um zu spannenden Höhenflügen anzusetzen. Unser Publikum darf gespannt sein!

Von der Gregorianik bis zum Rave

(Marcus Marschalek, 17. Juli 2019)

Wie klingt es, wenn der Tod auf das Herz von FRAU JEDERMANN greift und im Auftrag von GOTT Leben nimmt? Nach welcher Melodie wird die TISCHGESELLSCHAFT ihre frivolen Lieder anstimmen und wie kann aus alter Gregorianik ein moderner Rave werden? 

Immer konkreter werden unsere Regie-Ideen und so setzen wir uns auch mit der klanglichen Ebene bei frauJEDERmann auseinander. Ulrich Dallinger ist unser Musikalischer Leiter und hat damit ordentlich was zu tun. Wenn unser BUHLER der FRAU JEDERMANN ein Lied anstimmt oder GOTT aus dem lichtdurchfluteten Kirchenraum kommt, was soll man dann hören? 

Unser frauJEDERmann Musikchef Ulrich Dallinger in seinem Studio „Tone Demand“ beim Komponieren

Mit Ulrich haben wir einen routinierten Vollprofi mit im Team, der  zahlreiche TV- und Theaterproduktionen mit seiner Firma “TONE DEMAND” eine spannende und emotionale Tonebene verpasst hat. Er weiß, wie man Gefühle und Stimmungen in Bildern zum Klingen bringt und verstärkt. 

Die Leidenschaft fürs Musizieren hat ihn schon als Kind gepackt, erzählt er mir. Die große Instrumentensammlung seiner Eltern waren ihm Spielwiese. Heute ist er Multiinstrumentalist. Geige, Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Knöpferlharmonika…. auf fast allen Instrument ist er zuhause. Studiert hat er Orgel.

Eine von Ulrich Dallinger selbstgebaute elektronische Orgel. Ein hoher Thron mit Überblick über das Studio.

Ein besonderes elektronisches Orgel-Exemplar hat er sich selber für sein Studio gebaut. Dort sitzt er gleichsam wie auf einem hohen Thron mit Überblick über zahlreiche Mischpulte, Computertastaturen und Keyboards. Es braucht viel Know-How, das alles fachgerecht zu bedienen. Ich bin fasziniert von seinem Arbeitsplatz.  Doch dann steigen wir hinab in den Keller. Dort gibt es ein großes Foley-Studio. Es ist eine Kunst, die richtigen Geräusche zu produzieren, etwa das Knarren von Schiffsdielen. Sollte man zum Beispiel für eine TV-Dokumentation so ein Geräusch brauchen und gerade kein Schiff in der Nähe haben, dann kann Ulrich helfen. Eine alte Obstpresse aus Holz erzeugt den authentisch klingenden Sound. Ein großer Raum ist voll mit Klangerzeugern für alle möglichen Soundbedürfnisse. Auch für frauJEDERmann ist da sicher etwas dabei.

Ulrich Dallinger ist Multiinstrumentalist und spielt von Schlagzeug über Klavier, Geige, Gitarre und Akkorden fast alle Instrumente.

Wir gehen gemeinsam das aktuell rund 100 Seiten starke Regiekonzept durch. Grün sind die Stellen markiert, an denen Musik oder Sound ins Spiel auf unserer Bühne kommt. Ganz schön viele Stellen sind das! Ich beschreibe Ulrich die Szenen und die Emotionen, die wir vom Regieteam vermitteln wollen. Wir besprechen, welche Wirkung ein Musikeinsatz an dieser Stelle haben könnte. Auch müssen wir bereits jetzt abschätzen, wie lange die einzelnen Musikzuspielungen, Hintergrundsounds und Effektgeräusche etwa dauern werden.

Am Computer gehen Ulrich und ich das rund 100 Seiten starke Regiekonzept auf Musik- und Soundeinsätze durch.

Im Gespräch entstehen auch neue Ideen. Ich bin schon so neugierig, wie das alles klingen wird. Ulrich hört ja bereits einiges davon schon in seinem Kopf. In den nächsten Wochen wird er für uns seine Melodien niederschreiben und einspielen. Es wird ein musikalischer Streifzug durch Jahrhunderte, von der Gregorianik bis zum Rave, Töne zwischen Leben und Tod. Für unser Publikum dann zu hören von 4. bis 12. Sept. 2020 bei frauJEDERmann vor der Bergkirche Rodaun.