Kopf und Körper: Probenstart

(Marcus Marschalek, 13. Oktober 2019)

Es ist also so weit. Wir wagen uns an die ersten Proben. Ein bisschen ging es uns schon so wie in einem Rennauto an der Startlinie. Der Motor läuft auf vollen Drehzahlen und alles wartet auf das „Go“. Es sind Sekunden die endlos erscheinen, bis es endlich ans Fahren geht.

Christa Kohlross und Roland Stumpf proben die Szene FRAU JEDERMANN und der TOD

Ein Jahr lang haben wir nun mit dem Kopf gearbeitet. Haben Texte hin und her gewälzt, um jede Silbe gerungen. Wir haben Biographien entwickelt und Beziehungen zwischen den Figuren geschmiedet, riesige Gedankengebäude aufgebaut. Nun gilt es aber all das vorerst zurückzulassen. Nun ist Spüren angesagt. Das ist gar nicht einfach, wenn der Kopf schon so präsent war.

Wie fühlt sich das auf der Bühne, im Spielen an, all das, was wir da an theoretischen Anweisungen in unser Textbuch geschrieben haben? Von der Regie her ist es uns wichtig, dass die Figuren auf der Bühne in einen echten Dialog treten. Aufeinander reagieren, die Emotionen des Gegenübers aufnehmen. Dazu braucht es aber Textsicherheit. 

Probenarbeit für die Szene FRAU JEDERMANN und MUTTER. Riki Stamminger und Andrea Drössler, Burgi Müller und Isolde Cronenberg begegnen einander das erste Mal auf der Probenbühne.

In gefühlten 100 Emails wurden mehrfach die Deadline ans Team verschickt. 14. September 2019 war das magische Datum: Ende der Textlernzeit und Start der Probenzeit. 

Und hier erleben wir unsere erste Krise. Bei fast allen Schauspielerinnen und Schauspielern sitzen die Text noch nicht. Die Routiniers unter uns wissen, es sind zwei paar Schuhe: Das eine ist es den Text in gewohnter Umgebung auswendig aufzusagen und es ist etwas ganz anderes mit einem Gegenübe die Verse in neuer Umgebung im Dialog zu sprechen. Die Sprache Hofmannsthals  lässt auch kein Fabulieren zu. Wer seinen Text nicht kann, fällt rasch aus seiner Rolle, vergisst auf den Anderen zu reagieren, ist plötzlich mit sich und seinem Text beschäftigt.

Christa Kohlross als FRAU JEDERMANN
Roland Stumpf als TOD

Wie in allen Teams gibt es auch bei uns die Fleißigen, die brav geübt haben und es schon ganz gut hinbekommen und die, die 1000 Entschuldigungen finden, warum sie noch nicht zum Lernen gekommen sind und weitere 1000 heilige Eide sprechen, dass der Text bei der nächsten Probe sitzen wird. Es sind die Momente, wo wir uns als großes Team begreifen, dass voneinander abhängig ist. Einer kann ab jetzt alles zu Fall bringen, eine Probe schmeißen. 

Es ist der Zeitpunkt,  ab dem es nur noch gemeinsam geht. Ab jetzt müssen wir uns aufeinander verlassen können, auf unsere Gegenüber vertrauen. Das ist gar nicht einfach, sind wir ja ein recht bunter Haufen. Rund 50 Schauspielerinnen und Schauspieler und etwa 20 Menschen in der Organisation und Technik. Manche sind schon ein Jahr mit dabei, manche seit ein paar Monaten und einige haben uns auch wieder verlassen.

Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE
Johanna Hoblik bei der Probe der Szene FRAU JEDERMANN und GLAUBE

Aber wie ist das mit dem Vertrauen? Was gibt mir Sicherheit, dass mein Gegenüber die Sache genauso ernst nimmt, dass er durchhält? Es wird schnell klar: Sicherheit haben wir nicht, aber durch die gemeinsame Arbeit entsteht zwischen uns Beziehung, wir kommen uns Schritt für Schritt näher. Nach jeder Probe ist zwischen uns ein kleines Stück mehr Verbindlichkeit gewachsen. Es sind Momente entstanden, in denen wir uns als Menschen begegnen, nicht bloß in unseren Rollen. Das schafft auch gegenseitige Verantwortung.

Stefanie Pauly als FRAU JEDERMANN in Feierlaune.

Und genau um das geht es ja auch beim “Jedermann”: Einander begegnen auf eine zutiefst ehrliche Art. FRAU JEDERMANN ist ja auf den ersten Blick gar nicht so ein übler Mensch. Sie gibt etwa der ARMEN NACHBARIN eine wertvolle Münze, sorgt sich um des SCHULDERNS WEIB und KIND, organisiert ihnen sogar Wohnung und Auskommen. Sie lädt Verwandte und Freunde ein, gibt große Feste. Viel mehr, als vielleicht jeder von uns für die Verwandtschaft und Bedürftige tun würde. Was ist es aber, dass FRAU JEDERMANN in ihrem Leben scheitern lässt und sie im Angesicht des Todes so in die Krise stürzt? Wir meinen entdeckt zu haben, dass sie den Menschen, die ihr begegnen, nicht wirklich nahe kommt. Sie lässt sich nicht auf ein Du ein. So sagt sie etwa, nachdem sie für des SCHULDNERS WEIB alles organisiert hat: “Doch will Plärens ledig gehen, ihre Not nit wissen, noch Gejammer!”

Die erste Probe für FRAU JEDERMANN und der TOD ist beendet.

Dort scheint eine der Kernaussagen des “Jedermann” zu sein. Sich auf dein Du einlassen. Einem Du nahe kommen, mit einem Du ein Stück des Weges gehen. Den Weg zu einem gemeinsamen Weg machen. So kann geglücktes, erfülltes Leben entstehen. Wer sich auf ein Gegenüber einlässt, ist nicht mehr allein. 

Nicht alleine auf der Bühne stehen. Sein Gegenüber begreifen, seinem Gegenüber zuhören, auf sein Gegenüber reagieren. Darum geht es nun in den Proben: Um ehrliches, authentische Reagieren in einem Dialog. Eine ganz schön große Herausforderung!