Hofmannsthal’sche Lebensspuren

(Melitta Fiala, 10. September 2019)

Wieder einmal habe ich – wie so oft in den letzten acht Jahren – das Grab Hugo von Hofmannsthals besucht, welcher schräg vis à vis meines älteren Sohnes am Kalksburger Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Also hat sich im Laufe der Jahre über die von mir bewusst gewählte Nachbarschaft der Gräber hinweg eine ungewöhnliche Verbindung entwickelt, eint mich doch mit dem von mir seit frühester Jugend verehrten Dichter dasselbe Schicksal: der Verlust eines Sohnes, dessen Lebenswille erschöpft war. 

Der Kalksburger Friedhof mit Blick auf die Rodauner Bergkirche.

Wenn ich mich mit Hofmannsthals Lebensspuren befasse, erkenne ich einen etwas aus seiner Zeit gefallenen, altmodischen und konservativen Mann, den sein Zeitgenosse, Freund und Bewunderer Stefan Zweig folgendermaßen beschreibt: 

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite in der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

1893: Hugo von Hofmannsthal im Alter von 19 Jahren.

Mein ganz persönlicher literarischer Geschmack wurde u.a. durch Hofmannsthals Sprachgebrauch und sein Ausdrucksvermögen geprägt, weshalb ich auch wie elektrisiert war, als ich von der geplanten Uraufführung des Jedermann in Rodaun Kenntnis erhielt. Nach dem Treffen mit dem Mastermind der frauJEDERmann-Produktion Marcus Marschalek wollte ich selbst mich vor allem im Regieteam einbringen und nur die kleine Nebenrolle des „Fräuleins“ übernehmen, während mein Mann Georg sich für die Rolle des „Todes“ interessierte.

Soweit so klar. Eingebunden in ein beeindruckend kreatives und vielfältiges Regieteam fanden viele gute Ideen Eingang in unsere Inszenierung, anfänglich unterschiedliche Vorstellungen bezüglich Textnähe zum Original des Nostalgikers Hofmannsthal, der in seinem Stück „die Einsamkeit, das Leben und den Tod“ beschwört und einer im Sprachduktus modernisierten Version wurden zugunsten der Schönheit der Hofmannsthal’schen Knittelreime ausgeräumt. Rollenbiografien wurden erarbeitet und nahmen immer mehr Gestalt an, das aufwändige Regiebuch wurde in Angriff genommen.

Melitta Fiala bei einer der zahlreichen Regiebesprechungen.

Und dann gab es Diskussionsbedarf: Die einen bevorzugen die von Hofmannsthal gezeichneten anmutigen Bilder, die anderen eine deutlichere Übersetzung in den modernen Zeitgeist. Vor allem wurden die wenigen von Hofmannsthal der Tischgesellschaft zugesprochenen beschwipst enthemmten Zeilen heiß diskutiert.

Das gleiche Fräulein flattert auf
»Er ist geritten von hinnen«
»O weh, wer soll mich minnen!«
Einige wollen sie dämpfen, sehen alle auf Jedermann.
ein anderer Gast fällt ein
»Steht auch der Wald voll grünen Schoß«
»Wohin doch ist mein Trautgenoß«.
(Originaltext der Szene Jedermann / Tischgesellschaft )

Marcus Marschalek im Interview über die Arbeit im Regieteam ad Frivolität der Tischgesellschaft.

Oder umgekehrt: Was passiert, wenn FRAU JEDERMANN sich voll Lust auf den BUHLER freut und sich mit ihm für die Nacht in ein Lusthaus träumt? Der BUHLER als Erfüllungsgehilfe für sexuelle Fantasien von FRAU JEDERMANN?

Im Regieteam haben wir damit eine Diskussion begonnen, die uns noch länger begleiten wird. Vor allem ist es das eine, in der Theorie darüber zu sprechen. Das andere wird es sein Hoffmannsthals Figuren auf der Bühne, in ihrer Geschlechter umkehrten Version, Leben einzuhauchen.

Dem Probenbeginn im Herbst sehen wir mit allergrößter Freude entgegen. Und was Frivolität und Sexualität von FRAU JEDERMANN betrifft, versuche im Team den oftmals unbequemen kontroversiellen Part zu übernehmen. Ich wünsche uns allen das Beste! Möge die Übung gelingen!