„Des moch ma schon“

(Marcus Marschalek, 9. Juli 2019)

Es gibt die Ermöglicher und es gibt die Verhinderer. Die einen gehören eher zu den Utopisten und glaube an große Träume, die anderen halte ich für eher ängstlich und feige. Oft verstecken sich die Verhinderer hinter Vorschriften und Paragraphen, zählen lange und akribisch auf, warum etwas nicht geht. Die Gefahr bei den Ermöglichern besteht aber darin, dass sie sich in ihren Träumen und Utopien verlieren können. 

Ich hoffe, dass wir mit Erich Kulicska einen Ermöglicher gefunden haben, der Utopien nicht ins Nirvana befördert, sondern zur Welt bringt. Vor ein paar Monaten haben wir das erste Mal miteinander telefoniert und Erich war mir von Anfang an sympathisch. Mit seiner Firma hat er schon mehrere Sommertheaterproduktionen betreut. Ich habe ihm unser frauJEDERmann Projekt kurz umrissen und sogleich gespürt, wie sich sein Hirn in Bewegung setzt. Ein paar spontane und kreative technische Umsetzungslösungen sprudelten sofort aus ihm hervor. Von einer Überdachung des Platzes, mit einem durchsichtigen Foliendach, um die Sicht auf Kirche und das “Haus der Frau Jedermann” nicht zu verstellen, war da die Rede. Von verschiedenen Bühnenelementen in Kreuzform mit Transportrollen, Requisiten von anderen Produktionen … . Mir gefällt es, wenn man wo “anstößt” und die Fülle entdeckt!

Vor der Rodauner Bergkirche soll im September 2020 die Bühne für FrauJEDERmann stehen. Marcus Marschalek und Erich Kulicska diskutieren die Aufhängung der Scheinwerfer.

Erich und ich haben dann doch ein ein paar Monate gebraucht, bis wir uns endlich zu einem Termin am Rodauner Kirchenplatz getroffen haben. Einander persönlich kennenlernen und den Ort spüren, das war unser Ziel. Eine wichtige Frage darüber hinaus: “Welche technische Umsetzung für unser Theaterstück würde in Einklang mit dem Ort und unserem Budget stehen? Schon mehrmals habe ich mich vor die Rodauner Bergkirche gestellt, bin den Platz abgeschritten, habe Fotos von allen möglichen Seiten gemacht und mir vorgestellt, wo Publikum und Bühne sein könnten.

Jetzt, zur ersten technischen Begehung mit Erich, habe ich auch Roland vom Regieteam gebeten, dabei zu sein. Beobachtet von seinen beiden Hunden, die unter einem Busch Platz genommen haben und zu uns scheinbar teilnahmslos blicken, beginnen wir also zu dritt den Platz abzuschreiten. Und obwohl die Hunde gerade mal ein halb geöffnetes Auge riskieren, wird jede unserer Bewegungen genauestens registriert. Wird unser Publikum auch so konzentriert sein oder wird sie unsere Produktion nur einen müden Blick kosten? Wie kann der Ort hier das Stück unterstützen, ein Teil von frauJEDERmann werden, dass alle ins Spiel mit hinein genommen werden? 

Rolands Hunde riskieren gerade ein halb geöffnetes Auge, verfolgen aber unsere Platzbegehung ganz genau.

Und noch ein paar Fragen stellen sich uns: Was hat hier rund um den Platz, vor über 120 Jahren, Hugo von Hofmannsthal bei seinem Schreiben des Jedermanns beeinflusst? War es die Turmuhr mit ihrer Glocke, die sich alle 15 Minuten meldet? War es das bunte Treiben der besser gestellten Leute aus Wien, die im nahen Gasthof Stelzer oder im Gasthof Schneider ihre Feste feierten? Hat Hugo von Hofmannsthal von seinem Salettl aus die Kirchgänger aus Rodaun beobachtet, wie sie zur “Frühmette” gegangen sind?

Roland Stumpf und Erich Kulicska bei der Begehung am Rodauner Kirchenplatz.

Wir wollen den Platz für das Spiel wenig verändern, werden also nicht überdachen. Ein Zelt würde dem Platz Flair und die Sicht auf die Bergkirche nehmen. Bei Schlechtwetter brauchen wir also ein Ausweichquartier. Klar ist auch, dass die Bühne vor dem Eingangsportal in die Bergkirche stehen muss und FRAU JEDERMANN dort zur letzten “Beichte” verschwindet, bevor sie “geläutert” wieder aus der Kirche kommt und von GLAUBE und WERKEN in den Schoß GOTTES gelegt wird.

Erich redet von Scheinwerfern und wie man sie gut verstecken könnte. An das Verstecken der Lichter hätte ich so gar nicht gedacht. Aber Erich hat Recht: Im Mittelpunkt steht die Bühne und die Technik sollte bei unserem Stück nicht ablenken. Und Erich redet davon, dass das alles kein Problem sei. Wir checken die Stromanschlüsse, besprechen die Bühnen-Aufbautage, überlegen wer die Lichter programmieren könnte, woher wir 320 Sessel bekommen, wie viele Mikrophone wir brauchen und hoffen, dass das schon irgendwie zu finanzieren sei! Aber wenn man kreativ sein will, sollte man besser nicht gleich ans Geld denken, sonst hört man vielleicht mit dem Projekt auf, bevor es noch begonnen hat. 

“Des moch ma schon”, sagt Erich und steigt in seinen Bus. Ein Ermöglicher! Ja, “des moch ma” sagen auch Roland und ich, rufen die Hunde und sind uns sicher: Bei unserer Rodauner Inszenierung wird es bei frauJEDERmann niemanden mit einem müden Hundeblick im Publikum geben.